Auf Schatzfahrt. Roman.

27. Durcheinanderbringen

Neunter September, früher Morgen vor Mittland

Die Hollermaid fuhr mit überstarker Mannschaft. Kaum möglich, dieses trinkfreudige Dutzend sinnvoll zu beschäftigen, drei Verletzte dösten in ihren Hängematten. Zum Schlorks hatten sich die beiden gesellt, die sich vor Menden aufgebaut, nach der wichtigen Angelegenheit gefragt hatten, deretwegen er sie allein hatte stauen lassen. Wo es um den Plan ging, war Menden empfindlich. Der griff dann gleich zum Messer.

Die übrige Mannschaft widmete sich am hellichten Morgen dem versprochenen Schlundvollgießen. Kaum zu glauben, wie schnell Dünnbier bei dieser Rotte anschlug, Kapitän Holler spürte ihre Trunkenheit bereits im Rauschen.

Menden trat zu ihm vor die Kajüte. „Gehen wir rein?“

Holler verneinte mit einer Kopfbewegung. Seeluft tat immer gut, und sie trug den verlockenden Ruch des Omrak fort, der noch in seiner Jacke saß.

„Was steht an heute“, fragte Menden, „hast du alles behalten?“

Sprach so ein Bootsmann zu seinem Kapitän? An seinem Plan ergötzen wollte der sich, wie jeden Tag. Konnte er haben. „Am verholten Mittag wird unser von Krebsen benagter Moderpott mitsamt seiner fluchbesudelten Dünnbierleichen in einem Weffer verschwinden, und zwar auf Höhe des stinkigsten Steinhaufens dieser von Ziegen verseuchten Spaßrübeninsel, auch verflucht als ihre Hauptstadt Zenheim.“ Ah, das tat gut. Hauptwörter schmücken lenkte vom Hirnweh ab.

„So beginnt mein stinkiges, verholtes Meisterstück von einem Plan“, nickte Menden.

Machte der sich lustig? „Weffer gibt es häufig vor Zenheim“, bemerkte Holler, „Wir aber verwenden einen Weffermacher. Einen feigen Zwergenkram nenne ich sowas.“

Menden schaute ihn prüfend an. „Bist du ein Drunta, kannst du den Türmen weismachen, dein Schiff stecke in einem Weffer, obwohl sie es sehen? Es geht nicht ohne. Der Einbau hat mich viele Ringe gekostet.“

Ein Weffer war ein wanderndes Nebelfeld, das die Verbindung zum Kom-Netzwerk störte. Es verhinderte das Orten oder gar Steuern des Schiffes durch die Türme, sie sahen nur, welche Richtung der Weffer nahm. Das Hiffen auf dem Segel zog diese Erscheinungen an, sie zehrten von seiner Kraft und waren stundenlang nicht loszuwerden. Mit einem Weffermacher konnten sie künstlich erzeugt werden, er musste gut versteckt werden, sonst meldete ihn das Schiffs-Kom an die Türme. „Es ist dein Plan“, sagte Holler, „was denkst du so teuer.“

„Nach mir hast du den größten Nutzen davon.“

Hatte er drum gebeten? Holler konnte sich nicht erinnern. „Im Weffer übernehme ich das verholte Notsteuer und bringe unser dreckiges Lumps-, ha, hum.“ Schluss damit. Sprachliche Schnörkel waren an Menden verschwendet. „Unser Schiff bringe ich an der Küste entlang bis nach Vorland. Echte Weffer nehmen dieselbe Route, das wird eine Blindfahrt stracks nach Südosten. Ich-“ Hirnweh. Holler legte den Kopf in den Nacken, presste eine Hand gegen die Stirn. Einatmen. Halber Schritt rückwärts, er lehnte sich gegen die Kajütenwand. Ausatmen. Einatmen. Besser.

Wie sollte er diese stundenlange Blindfahrt meistern. Gut, daß sich die Stimme gemeldet hatte. Sie wollte ihm helfen, sich von Mendens Plan zu befreien. Dafür hatte er seine gute Joppe mit seinem gutem Omrak durchfeuchtet. Um Menden den Trunkenbold vorzuspielen. Damit der glaubte, sein Kapitän handle im Suff, nicht etwa nach Anweisung.

“Abends gegen acht nähern wir uns Vorland“, sagte Menden.

„Bei Vorland … lasse ich die Hollermaid kurz wieder auftauchen. Sprich, ich hole das Wefferfeld ein.“ Holler hatte etwas Mühe, Mendens Plan herzusagen, weil er lieber den der Stimme nochmals durchdacht hätte. Wie ging der nochmal los? Er konnte sich nicht darauf besinnen. „Ich muss was sehen, damit wir nicht zwischen Vorland und Mittland geraten, aber ich verstecke mich hinter dem Kom-Schutz. Das Schiffs-Kom findet mich nicht und meldet meinen Ausfall an die Türme.“ Kom-Schutz, den Teil hatte Holler nie begriffen.

Wenn Menden mit leuchtenden Augen den Plan erklärte, brauste Hollers Denkstube mit vollen Segeln vorm Sturm seiner Begeisterung. Beim Rekapitulieren allerdings klang das Ganze recht dürftig, dann stolperte er über den Kom-Schutz und einiges mehr. Hakte er nach, brachte ihm Menden bloß wieder die Denkstube auf Fahrt. Wollte er für sich allein klarkriegen, was da alles nicht hinhaute, kam das Hirnweh. Wahlweise das Andere, die zweite Sichtweise, inzwischen wohl mehrere. Dann war da noch die neue, die freundliche Stimme.

„Und dann?“, fragte Menden.

„Auf der Höhe von Vorland bietet Mittland keinen Hafen“, sagte Holler. „Niemand kann uns da helfen, alle haben genug zu tun mit dem Großen Durst.“ Als habe Menden auch den eingeplant. „Besser, wir warten auf die Hundebunt, die wenige Stunden entfernt im verho-, ho, hum. Hrmpf!“

„Im verholten Konvoi fährt.“ Lächelnder Menden. „Falls uns die Türme anderweitig Hilfe zusagen, melde ich mich mit meinem Kom-Ersatz und bitte um die Hundebunt. Wird mich mächtig Strafe kosten, aber es lohnt sich. Weil Route fünf an Vorland vorbeiläuft.“

„Weil uns die Hundebunt ohne Türme findet“, verbesserte ihn Holler, „auch wenn sie ausschaut wie einer Libbsterflasche vom Etikett geklaut. Weil ihr Kapitän was kann.“

„Der ist auch nur ein Hampelmann der Vaudekla“, sagte Menden. „Ich kenne ihn, ich weiß, wovon ich rede.“

Holler schwieg. Den Schiffer der Hundebunt redete Menden jedes Mal schlecht, er sprach ohne Kenntnis. Was die Fänger anging, galt dieser Kapitän als große Nummer, hatte von sich reden gemacht bis vor ein paar Jahren. Na, wie hieß er nochmal ... Berrzak der Dragendöter. Ein schöner Beiname, und so anheimelnd im Klang.

„Auf den Kom-Werker kommt es an“, sagte Menden. „Einen lizenzlosen brauchst du, einen, der nicht den Vaudekla dient. Ist der gefunden, benötigst du weiter nichts als Mut und einen dicken Münzbeutel.“

Auch das erzählte er jedes Mal, der prächtige Menden von Holzland mit dem einstmals prallen Ringebeutel, derzeit nur prall im Schritt. Neuerdings ausgerüstet mit einem Ersatz-Kom und diesem sogenannten ‚Kom-Schutz‘, auch Holler hatte er einen spendiert. Weshalb fürs Segel kaum was übriggeblieben– Eh? Grün? Warum wurde jetzt alles grün vorm Auge seiner Kom-Persönlichkeit?

Ah, da bauschte sich Zwergentuch, versank im Meer der Kom-Landschaft. Manchmal brachte das Andere solche Bilder in sein Denken, um etwas anzumahnen. Hatte er nicht erst dieses Frühjahr zwei gute Segel anfertigen lassen, in der Bordfarbe, in genau diesem Grün? Warum fuhr er dann mit Kapitän Berrgars Orsenwisch? Und warum spürte er keinen Kom-Schutz und auch nicht Mendens Kom-Ersatz? Wie kam er überhaupt an diesen Bootsmann? Er musste doch Mendens Kennziffer geprüft haben, aber er konnte sich nicht erinnern. Ein Kom-Kapitän vergaß nichts ...

„Nach dem Notruf verschwindet die Hollermaid wieder im selbstgemachten Weffer“, sagte Menden. „Sobald sich die Hundebunt Vorland nähert, wird unser Mann dort seinen Zwergenkram benutzen und deinen Könner von Kapitän durcheinanderbringen.“

Kapitän Holler tauchte auf von einer verstörenden Reise in sein Inneres, hielt sich fest an Mendens letztem Wort. „Durcheinanderbringen.“

Ein Schiff im Weffer hatte keine Sicht nach außen. Doch dank Zwergenkram am Mast der Hollermaid, dank des Verstärkers, den Mendens ausgerüsteter Mann bei sich trug, würde Holler die Hundebunt auf den letzten Meilen der Annäherung im Kom sehen. Er konnte auf sie zuhalten, während Kapitän Berrzak verwirrt wurde vom verstärkten Rufen im Kopf von Mendens Mann.

Leute austricksen mit Zwergenkram, hatte ein Holler von Mittland das nötig? – Welcher Holler? Wer ist das? – Gelächter in der Denkstube, dann biss Schmerz die Zweifel weg. Natürlich hieß er Holler, wie denn sonst. Der Beiname Dragendöter blitzte auf im Kom, ein Bild von Kistenbrettern folgte. Das war der Bestand im Lagerraum, der eingebrannte Schriftzug überlagerte die Kom-Landschaft: Holzmacher. Woher kannte er diesen Namen?

Die Seewettermeldung wischte die Bilderfolge aus samt der Erinnerung daran, Holler lauschte, sagte dann: „Wir fahren dem moschgetauften Libbsterpott mit unserem desterverseuchten Kadaverbrett entgegen.“ Das klang doch ganz nach Kapitän Holler. Aber er hatte keine Schnörkel mehr an Menden vergeuden wollen. „In Hörweite gehen wir wieder hinter den Kom-Schutz. Wir müssen das Wefferfeld verstärken und ausweiten, auch nach oben, damit es an den Zwergenkram von deinem Mann rankommt.“

Das hatte ihm Mendens Kom-Werker so gesagt. Abstoßend ist das.Ich nenn‘s ausgefuchst. Beseitigt einen Mitwisser aus der Ferne. Abstoßend.Halt die Gosche, Schlappqualle. – „Den patentierten Großkotz der Hundebunt legt das verstärkte Wefferfeld unter sein zweierlei Paprikasegel. Seine Mannschaft küsst ebenfalls die Planken. Wenn nicht, hetzen wir unseren zwölferlei Haufen Riffgeiermosch-“ Holler verstummte, ihm wurde justament sehr merkwürdig. Wer schwang diese herzlose Rede? Das quoll aus ihm heraus wie ...

Schnelle Schritte, ein Matrose eierte übers Großdeck, stolperte vorm Schanzkleid und übergab sich gegen das Speigatt.

„Genau so“, sagte Holler. In seinem Denken erhob sich wieder das Andere. Ein Wefferfeld wird nicht stärker, nur größer. Das stimmte. Oder? Menden schaute, Holler raunzte den Matrosen an. „Holla, Bimmsschwanz! Mach sauber, das ist kein Kotzloch.“

Zurück zum Plan. Sollte er im, eh, verstärkten Wefferfeld trotz Kom-Schutz ebenso außer Gefecht sein wie Kapitän Berrzak, musste Menden mit seinem Ersatz-Kom das Kommando übernehmen. Der Mannschaft wurde allenfalls etwas schummrig, die trug ja kein Kom. Aber die Leute auf der Hundebunt, die würde Kapitän Berrzak allesamt im Kom haben, weil er selbst steuerte, ohne die Türme. Seine Kom-Stützen bekamen alles ebenso ab wie ihr Kapitän.

Dann war da noch Mendens ausgerüsteter Mann, mit dem Holler nie das Mögacht tauschen würde. Dem sprengte das, eh, verstärkte Wefferfeld die Denkstube. Was für ein Lohn. Armer Kerl.Heulfisch. Was lässt er sich drauf ein.Du stinkst nach Omrak, Holler von Mittland. Sauf endlich welchen.

Etwas Wichtiges blieb unklar, aber wie sollte eins drauf kommen mit drei Mann in der Denkstube – ah ja: Was beim Leutholer schützte Kapitän Berrzak? Den brauchten sie doch verholtament lebend. Trug auch der so einen Kom-Schutz? Wieso hatte Holler von sowas zuvor nie gehört? War auch das eine der zwergengeborenen Gemeinheiten, mit denen er seit Menden erst zu tun hatte?

Es gibt keinen Kom-Schutz.Moschgoscher.Ich tu mir Omrak rein, und wenns mich umbringt. – Zanken in seinen Gedanken. Wer schwatzt da?Du.Ich, Holler.Was meinst du wohl, der Leutholer? Der hat mit dem Trinkertod zu tun.

Ruhe in der Denkstube! – Kapitän Holler bleckte die Zähne, krampfte die Hände in den Wollstoff der Jacke, spürte die Feuchtigkeit. Nieselregen, doch es roch auch noch ein wenig nach Omrak. Das hatte mit dem Wichtigen zu tun, das er für die Stimme hatte tun wollen. Oder die Stimme für ihn? Er musste das nochmal mit ihr bereden. Dazu brauchte er Ruhe.

Vorm Speigatt fiel der Matrose über den Eimer, den er mit Meerwasser gefüllt hatte, streckte alle Viere von sich. Die Gelegenheit galt es zu nutzen. „Was sind mir das für Seeleute“, brachte Holler hervor. „Von Dünnbier lebst du einen Monat und fällst nicht um dabei.“

„Ich halte dich nach zwei Krügen für meine Mam“, sagte Menden.

„Hrmpf. Erzähl dir deinen Plan selbst zu Ende, ich schaue mir dieses Dünnbier an.“

◊ ◊ ◊

Menden lehnte sich seinerseits an die Kajütenwand und sah zu, wie Kapitän Holler im Davonstapfen mit der Luft focht. War nicht so weit her mit seiner angeblichen Unverträglichkeit von Omrak, er stank wie sein eigenes Fass. Weitertrinken wollte der, ohne daß sein Bootsmann es mitbekam.

Als Menden diesem Hoppedeck zum ersten Mal den Plan erklärt hatte, hatte der glattweg behauptet, er könne im Wefferfeld nur auf hoher See steuern. Holler war eben ein Kapitän vom alten Schlag, ausgebildet vor Jahrzehnten, als nur Erwählte ein Kom haben durften. Mit dem sie länger üben mussten, als ihre Jugend währte, ganz wie der verholte Berrzak von Oosland, der einem braven Holzlander Jung die Zukunft gestohlen.

Das war lang her, Mendens Rauschmuster und Gesicht hatte er längst vergessen. Von wegen ewiges Gedächtnis der Kapitäne, da ließ sich Menden nichts vormachen, da musste sich eins nur den Holler von Mittland ansehen, ho ho, und er selbst trug einen Kom-Ersatz, aber konnte er sich alles merken? Nein, es ging schlechter als vorher. Mit Kapitän Holler solle er täglich den Plan einüben, hatte der Kom-Werker gesagt, weil Holler mit der Zeit vergesslich werden würde. Menden war sich nicht sicher, ob er den Plan selbst lückenlos hersagen konnte.

Dabei trug er den neuesten Zwergenkram im Kopf. Der machte die Kom-Begabung und endloses Üben überflüssig, dafür hielt er bei weitem kein Leben lang, er wollte sparsam eingesetzt und immer mal wieder erneuert werden. Menden würde ihn möglichst überhaupt nicht benutzen, bis Temmes Schatz die Hollermaid tief ins Wasser drückte.

Unvorhersehbar, wer dann noch übrig war, um ihn nach Hause zu bringen. Laut Kom-Werker genügten für ein Schiff von der Größe der Hollermaid fünf bis sechs Matrosen und ein Kapitän. Wenn Holler nicht durchhielt, musste sich Menden mit dem Schiffs-Kom verbinden, dann wurde auch für ihn alles sichtbar, das eins zum Navigieren brauchte. Wie das im Fänger ging, vor allem im Toten Mann, hatte er bis sich dahin vom Ooslander abgeschaut.

Aber erst wollte die Hundebunt überwunden sein. Wenn sein zwölferlei Haufen Riffgeiermosch mit ihrer Mannschaft aufgeräumt hatte, holte Kapitän Holler das Wefferfeld ein. Die Hollermaid wurde für die Türme sichtbar und er meldete, den Weffer endlich abgehängt zu haben. Ganz in der Nähe würde er höchst erstaunt die Hundebunt entdecken, unbemannt bis auf den Kapitän.

Den bewusstlosen Kapitän. Die Türme kämen nicht dahinter, was geschehen war, sie konnten keine Patrouille schicken, sie hatten zu tun mit dem Großen Durst. Sie würden annehmen, die Hundebunt sei verunglückt auf ihrer Hilfsmission, Grund unbekannt, sie war ja kurz aus dem Kom-Netzwerk verschwunden. Erschüttert würde Holler anbieten, den schwer angeschlagenen Kapitän Berrzak nach Oosland zu bringen. Wo die Hollermaid just vorm Ziel erneut in einen Weffer und dadurch in den Toten Mann geraten würde.

Gar nicht mal so unwahrscheinlich, denn dieser vom Nück gezwickte Ooslander war reich wie drei Inselverwalter und hielt sich eigene Weffer, vorm Zugang zu seiner Wohnstatt. Bis dorthin dürfte er sich erholt haben vom verstärkten Wefferfeld, würde notgedrungen die Hollermaid durch den Toten Mann steuern und sie zu Temmes Schatzhöhlen bringen.

Nach dem Schatzbergen kam die Abrechnung, dann rief er sich dem holden Ooslander in Erinnerung. Menden nickte sich selber zu, nahm Hollers rhythmisches Gurgeln als Beifall. Öffnete die Augen. Das war nicht Kapitän Holler, den spürte er irgendwo im Laderaum. Er stieß sich von der Wand ab. Unten vorm Speigatt hielt ein zweiter Matrose den Bimmsschwanz am Haar gepackt, tunkte seinen Kopf wieder und wieder in den neubefüllten Eimer.

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