Auf Schatzfahrt. Roman.

26. Mädchenträume

Achter bis neunter September, Rabazon Stadt

Wohin mit den armen, verlassenen Kindern, die schon bald durch Rabazons Gassen irren würden, hungrigen Kazondger Waisen, die ohne Saras Hilfe elend zugrunde gingen. In der Mansarde des Kleinen Freibeuter gab es nur Munnas Bleibe und Saras Mädchenkammer, die sie früher mit Dura geteilt hatte. Gegenüber lag das ehemals elterliche Gemach, doch dort bewahrte Sara die Wäsche auf, und den Schrank dafür hatte Pap aus dem Doppelbett gebaut.

Pap selbst schlief unten, alle anderen verließen das Haus zur Nacht. Da blieben nur die Kapitänsbleibe und die Kammern im ersten Stock, Pap musste ein Einsehen haben und auf zahlende Übernachtungsgäste verzichten.

Kein allzugroßer Schaden, denn seit der Seuchenmeldung gestern abend soffen die Gäste, als wüte auch auf Rabazon der Große Durst. Dunkelhopfen feite nämlich dagegen, Pap war slick und handelte bereits um die für Kazon bestimmten Lieferungen. Omrak vor allem, aber er würde auch an seine Sara denken, ihre liebsten Leckereien erwerben und im Versteck lagern, wo sie drin schwelgen durfte, wenn ihr wieder alles zuviel wurde. Ansonsten steckte Pap im Keller, vermutlich trug er ausgemustertes Mobiliar zusammen für den zu erwartenden Ansturm.

Der allergrößte Schiffszug, der von Kazon Stadt, der sollte übermorgen eintreffen. Also blieben Sara noch ganze zwei Tage, um all die Stuben vorzubereiten. Aber das Sprichwort hatte recht: Was gemacht ist, ist gemacht, umso mehr, als eine Wirtstochter niemals sicher wusste, wieviel Arbeit der nächste Tag bringen würde.

Um das Ja von Munna musste sie nicht sehr bitten, schleppte Wasser und Putzzeug, hielt nicht inne, bis alle Winkel reingewischt, jede Holzfläche in Schimmer, und bis der Duft frischen Bettzeugs sie beim Eintreten umfing. Blieben die Vorhänge, die würde sie an den Fenstern trocknen lassen, die Läufer galt es noch auszuklopfen, die Glühfischgläser mussten poliert werden, je genauer sie hinschaute, desto mehr gab es zu tun.

Es war ihr ein Fest, abends gönnte sie sich mitten in der Woche den Zuber.

Am nächsten Morgen stand sie sehr früh auf, denn einer der Konvois konnte freilich auch Ihn bringen, den stattlichen, kühnen Burgprinzen von Zeitland, ihren zukünftigen Gemahl. Also musste sie sich für Ihn schönmachen.

Den Besuch beim Frisurmacher gewährte ihr Pap anstandslos, zum neuen Kleid mit passendem Allerlei sagte er: „Die Wäschekammer quillt über von deinem Zeug, sei’s drum. Die Sache ist, der beste Schneider bekommt kein Kleid fertig an einem Morgen.“

Da hatte er wohl recht, aber es gab ausgediente Modelle, Fehlstücke, unbezahlte Ware. Und die getragenen Sachen wunderschöner, einst verhätschelter, nun aber ins Unglück geratener Frauen, feilgeboten von der Schneidersfrau in einer versteckten Kammer, die zu Kimraks Zeit als Wettstube gedient hatte. Die Anproben in ihrem schummrigen Licht waren Sara die liebsten, sie lief zu Munna. Wenn sie den Schneidersleuten einen vollen Münzbeutel brachte, sandten sie keine Rechnung ins Haus.

„Ich werd mich wohl hüten“, sagte Munna, „dir hinter Pap Duras Rücken sein Wirtschaftsgeld zuzustecken.“

Hauwau. Munna hatte schlechte Laune. Sara plagte sie nicht lang mit Bitten, beider Tag war angefüllt mit Pflichten. Bei genauer Betrachtung fehlte Sara schlicht die Zeit für einen Besuch beim Schneider. Nach dem Herrichten des Gastraums legte sie ein jüngst geplättetes Kleid an, begab sich stattdessen zum Frisurmacher. „Munna lässt sich nur von Pap was sagen“, erzählte sie ihm. „Das war schon so, als ich in die Schulen gemusst hab.“ Damals hatte Sara geschwant, mit ihrem Eintritt in die Schulen würde alles anders werden, vorsorglich hatte sie Munna teilhaben lassen an ihrer Hellsicht. Doch Munna wollte sie nicht heimlich bei ihren Leuten im Dorf wohnen lassen.

„‘s war ein ausgefuchster Plan“, meinte der Frisurmacher. „Munna hat ihn verdorben.“

Dafür wollte ihm Sara einen Kuss geben, doch er riet ihr, sich den Kuss für Ihn aufzuheben. Strahlend gab sie Extra, ging nicht ein auf seine Anspielung von wegen ‚ausgefuchst‘. Ja, Sara konnte deichseln, was auch immer ein Frisurmacher von Trux dem Fuchs wollen mochte, der war nämlich ihr Onkel. ‚Eines Tages‘, sagte sie dem Frisurmacher mit Blick und Rauschen, ‚nicht heute‘. Männer liebten es, wenn ein Mädchen sie bei der Stange hielt.

Munna sagte das manchmal, dann kieksten die Küchenleute. Die auf Saras helfende Hand warteten, sie mussten sich gedulden, Sara schlenderte erst über den Hafenmarkt. Da, ein Rauschmuster mit Kom. Sie tat sich um danach, der Knabe im Gassenabzweig war‘s, er sah sie erstaunt an und stolperte über den Prellstein. Kapitänsschüler, immer gut für ein Lachen.

An die Schulen dachte sie nicht gern, aber sie erinnerte sich noch an das Fahrtenfest, als sie heimgebracht worden war. Munna hatte geweint, als sie Saras Seite der Mädchenkammer wieder freiräumte, hatte ihr vom Elixir gegeben und weder Pap noch Dura rufen lassen. Der Freibeuter hatte gedröhnt vor Geselligkeit, sie würden Sara früh genug sehen.

Doch dann war Dura nicht zum Schlafen heraufgekommen, nicht an diesem Abend und überhaupt nicht mehr. Das Fest war zugleich ihre Brautentführung gewesen, der Burgprinz von Zeitland samt Gefolge hatte sie geraubt. Weil aber Zeitland so leicht nicht zu erreichen war, konnte Dura ihre Familie nicht besuchen.

So weit Munnas Erklärung. ‚Aber sie hat mich nicht eingeladen‘, hatte Sara eingewandt, leise, erschöpft von all dem nicht. Munnas Lächeln war ein wenig schief geraten. ‚Uns auch nicht.

Es passte zu Dura, immer lustig, immer laut, hübsch wie eine Flitzschleie und ebenso blöd. Aber als es Sara besser ging, bemerkte sie das Getuschel im Gastraum, die Blicke und Paps Zorn, wenn er dazwischenfuhr. Nie zuvor hatte er Stammgästen den Mund verboten. Beim Liefern fielen Andeutungen, Nachbarn unkten auf Dura gemünzt, und die Gewerbetreibenden, zu denen Munna sie mitnahm, nannten Sara über ihren Kopf hinweg ‚die Schwester‘ und beäugten sie forschend. Wenn Sara fragte, kam stets die Erzählung von der Brautentführung.

So verging eine Zeit. Eines Abends entfuhr Munna, als sie zusammen im Zuber saßen: ‚Beim All-Einen, wirst du etwa auch so? In Zukunft badest du alleine.‘

Da hatte Sara die Wahrheit erkannt: Sie war noch hübscher als Dura. Wie bei den Erzählern, da nahm der Prinz immer die Jüngste, weil die Jüngste eben die Schönste war. Ihr Burgprinz war schlicht zu früh drangewesen, und Saras Schönheit konnte ihn kaum betören, wenn Sara krank in der Mädchenkammer lag. Es war ganz Dura, sich vorzudrängeln, sich ihm an den Hals zu werfen, ihm zu sagen, die Jüngste im Hause zähle erst neun Jahre.

Heiraten ging mit sechzehn, das war lang hin. Auch für einen Burgprinzen, der nicht die Erstbeste nahm. Für die Wartezeit hatte er sich mit Dura begnügt, weil sie hübsch genug ausschaute, weil sie Saras Schwester war, weil sie schon neunzehn Sommer gesehen hatte. Doch seine wahre Liebe hieß Sara, das war klar wie dreifach geseihte Fleischbrühe.

Sara musste sich trotzdem anhören, ihr Prinz lasse mächtig auf sich warten. Sie machte ihm keine Vorwürfe, sie kannte den Grund: Nach sieben Jahren Dura hatte er in Vorfreude auf Sara die kürzeste Verbindung nach Rabazon gewählt, und die führte durch die Zeitland-Anomalie.

Laut den Erzählern forderte das Meistern dieser gefährlichen Route seinen Preis: Wer hindurchgelangte, vergaß sein Begehr und wurde zum ewig Suchenden. Solche Menschen durfte eins auf ihr Ziel nicht ansprechen, weil sie sonst Schaden nahmen, ebenso, wie eins Schlafwandler nicht störte. Einzig mit ihrer Schönheit vermochte Sara das Erinnern des Burgprinzen zu wecken.

◊ ◊ ◊

Pap Dura verkeilte ein weiteres Balkenstück mit einem Mauerstein, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er schuftete zwischen Felswänden, die ihm kaum Platz ließen zum Umwenden, keinen zum Aufrichten. Was halfs, er musste den Zugang zum Versteck mit einem Verhau sichern. Um Saras Erbe zu bewahren, im Gegensatz zu ihr rechnete er weniger mit verhungernden Kazondger Waisen als mit verfressenen Kazondger Hafenkindern.

Die Waisen entsprangen einem von Saras harmloseren Mädchenträumen, der begleitende Putzwahn kam ihm zupass. Quartiere dürften bald knapp werden, und Sauberkeit überstrahlte den Preisaufschlag. Nicht, daß Pap Dura das Extra nötig gehabt hätte. Er erhob es, weil das alle machten.

Vor langer Zeit hatte er die Berufung wechseln müssen, hatte in Rabazon Stadt Brau- und Schanklizenz erworben, eine Kneipe übernommen und das Herz eines wunderherrlich‘ Luders gewonnen. Den neuen Namen für die Trinkstätte münzte er auf den erwarteten Nachwuchs und erzählte jedem stolz davon. Dann stellte sich Dura ein statt des Stammhalters, die Heiterkeit über Pap Duras Pech brandete über den Hafen weg bis in die Dörfer, und seitdem kamen in nimmermüdem Strom die Gäste.

Dura schlug dem geliebten Luder nach, Pap Dura grämte sich nicht darum. Familie und Gewerbe waren mit Bedacht gewählt, sie brachten ihm die nötige Ablenkung. Unverdrossen hoffte er weiterhin auf einen Sohn, dann starb Mam Dura im Kindbett. Ihr Andenken ehrte er, indem er nach keinem Weib mehr schaute. Wozu auch, eins wie sein geliebtes Luder würde er im ganzen Ring nicht wieder finden.

Seine zweite Tochter geriet nach ihm selbst. Sara sprach nicht, gab sich nicht ab mit Spielkameraden, saß alle Tage mit Farbstiften und seinem alten Logbuch im Kellergewölbe, das schon seinem Vorgänger als Lager gedient. Ein stilles, ordentliches Mädchen, es ließ das Buch nicht herumliegen. Lange hatte er geglaubt, Sara kritzle darin herum nach Art der Kinder.

Anlässlich einer Bestandsaufnahme stellte sich heraus, sein kleines Mädchen hatte die verschiedenen Waren in Gruppen zusammengefasst, hatte sich Zahlen und Buchstaben dafür ausgedacht und für die Zählung Listen angelegt, die sich als erstaunlich nützlich erwiesen für jene, die lesen konnten. Also litt Sara an der Warnerkrankheit, sprich, sie war Kom-begabt.

Wenig später begann ihre Ausbildung. Im Gegensatz zum Unterricht für die Kleinen und der darauf aufbauenden Spätschule wurden die Schulen der Vaudekla als geschlossene Anstalt betrieben. Denn die Umstellung kam einen hart an, er erinnerte sich noch gut daran. Ob Kom-begabt oder nur stark rauschend, nach der ersten Behandlung mit Hiffen übten Knaben und Mädchen gemeinsam den Alltag. Bis zu einem Jahr lang, dann erst trafen sie die Wahl.

Für die meisten ging es um eine Lehre, je nach Stärke des Rauschens konnten sie Hafenmeister werden, Kom-Stütze, Straßenwart, Anwärter bei den Mälzern und allerlei sonst, oder sie dienten in den verschiedensten Bereichen als Helfer.

Kom-Begabten dagegen stand ihr Weg ins Rauschen geschrieben, Knaben wählten die Kapitänsschulen, Mädchen die Türme. Die seltenen Ausnahmen, die sich anders entschieden, gingen unweigerlich noch während der Ausbildung nach droben, mit zwölf, dreizehn Jahren, wie seit jeher die Warner, wenn sie nicht mit Hiffen behandelt wurden, und umso eher, wenn ihnen ihre Entscheidung verwehrt und sie auf den üblichen Weg gezwungen wurden.

Sara bestand auf dem Weg der Knaben. Eindringlich stellte er ihr die Gefahr vor, ließ Munna mit ihr reden, Altpap, den Heiler, die Vaudekla. Sara antwortete stur mit einem der wenigen Wörter, die zu sagen sie bereit war: ‚Freibeuter‘. Pap Dura wusste vor Rührung nicht, wohin mit sich, viele seiner Stammgäste hatten daran teil und machten ihm Mut, umso lieber, weil ihm dann die Freude über den Eichstrich schwappte.

Doch es kam, wie es kommen musste, die Behandlung warf Sara nieder. Nicht körperlich, sie kämpfte an gegen die zusätzliche, die innere Sichtweise, ihre Kom-Persönlichkeit. Das heftige, monatelang andauernde Ringen überforderte ihre Denkstube und ging ihr schließlich ans Leben, sie wurde aus den Schulen entlassen, damit sie in Frieden zuhause nach droben gehen konnte.

Just am Tag, als sie heimgebracht wurde, feierten Seeleute im Sold von Trux dem Fuchs ihr Fahrtenfest im Kleinen Freibeuter. Wiederkehrende Gäste, in der Mehrzahl von Holzland stammend, stolze Kerls mit ungewohntem Zungenschlag und dunklem Haar. Den Namen seiner Kneipe liebten sie fast so sehr wie seinen Omrak, und ein Fahrtenfest musste ausarten, sonst wars keins. Pap Dura hatte sich darauf vorbereitet, nicht gut genug. Nach zwei Tagen war mit den Holzlandern auch Dura verschwunden, das Ebenbild seines wunderbaren Luders.

Sara dagegen vollbrachte das Wunder, am Leben zu bleiben, und seitdem schaute er mit Wehmut auf seine jüngere Tochter, fernes Echo der unvergesslichen Gestalt. Über der Behandlung mit Kom-Hiffen war Sara keineswegs zur andern Insel gegangen, das war nur das Gegosch der mutigeren Nachbarn. Der Fluch des Kom hatte ihr lediglich eine Ausbildung verwehrt und sie ihre Jungfernzeit gekostet. Andere Kinder gingen zugrunde daran, Sara hatte ihm eine Nase gedreht und überlebt.

Mädchen, sagte sich Pap Dura, waren zu stark für den Weg der Knaben, zu mutig, und wohl auch zu eigensinnig. Denn selbstredend wollte Sara das Verpasste nachholen, womöglich ihr Leben lang. Er ließ sie gewähren. Für ihre Jahre wirkte sie erstaunlich jung, dem All-Einen sei Dank fehlte ihr das Berückende, das Dura und ihre Mam so unwiderstehlich umspielt hatte.

Es gab auch Mädchenträume wie den von heute. Sara, frisch vom Frisurmacher, hatte im Hafengedränge ‚den Burgprinzen erkannt‘ und sich in Positur geworfen, um ihn an sich zu ziehen.

Von diesem Prinzen wollte sie nicht lassen, seit sich Pap Dura ihn ausgedacht und wie Munna darauf gerechnet hatte, Sara komme alsbald von selbst auf die Wahrheit. Burgmänner gab es schon länger nicht mehr als amtierende Inselverwalter, abgesehen von Berrzak von Oosland, aber der war nicht echt. Sein Vorfahr hatte die Burgruine erworben und an ihn weitergegeben. Im Übrigen waren nur die Söhne der Inselverwalter als ‚Prinzen‘ bezeichnet worden.

Sara scherte sich nicht um geschichtliche Tatsachen, sie suchte ihren Burgprinzen unter den jungen Seemännern, die in Rabazon Stadt von Bord gingen und sich abenteuerlustig auf dem Hafenmarkt umtaten. Am späten Nachmittag hatte Munna sie gefunden, schlafend ausgestreckt auf Warenballen, wie immer unversehrt. In besonderen Menschen wie Sara zeigte sich der Leutholer, ohne ihnen selbst Schaden zu tun, aber bei Bedrohung fuhr der Leutholer aus ihnen heraus und auf den Angreifer los.

Wie der verholte Hammer, der ihm just querschlug, knapp an der Stirn vorbei. Pap Dura wischte über den nachgeströmten Schweiß, betrachtete den fleckigen Hemdsärmel, dann den Verhau. Genug, da musste noch Luft durchkommen. Er schob das Werkzeug in den Sack, kroch rückwärts hinaus damit, richtete sich auf und dehnte die Glieder.

Die aus dem Fels gehauenen Kellergewölbe des Kleinen Freibeuter nahmen mehr Fläche ein als oben das Gebäude. Bei den Besichtigungen vorm Kauf war ihm das Stück Mauerwerk im entlegensten Winkel aufgefallen, er hatte sich nicht drum geschert. Erst nach Duras Verschwinden war er mit schwerem Werkzeug darauf losgegangen.

Hinter der vermauerten Stelle lag ein Hohlraum natürlichen Ursprungs, groß wie seine Gaststube. Es gab einen zweiten, sehr schmalen Zugang, und der kam nicht aus seinem Keller. Den beließ er, wie er war, verständigte sich auf gemeinsame Nutzung des Verstecks mit den Hafenkindern, die ihn angelegt hatten, und die ihm auf seiner Seite eine Schwingtür anbrachten, dünn beschichtet mit Stein. Sie ließ sich nicht abschließen, aber im Schein von Glühfisch und Fackel verschmolz sie mit der Wand, wenn eins nach den Fugen nicht suchte.

Hafenkinder konnten sehr nützlich sein, wenn sie einen Vorteil für sich sahen. Seiner lag in einer noch von Altpap Dura herrührenden Handelsvereinbarung, sie erlaubte ihm den ausschließlichen Vertrieb von Suderser Schokoladentrüffeln in Rabazon Stadt. Die Hafenkinder liebten es noch mehr als Sara, sich damit den Schlund zu veredeln.

Heutzutage nutzte er das Versteck zum Lagern der Ware für besondere Zwecke. Das hatte begonnen mit dem kühnen Plan, an dem er damals gearbeitet, unterstützt von Altpap Dura, der als einziger noch lebte von den beiden Altelternpaaren.

Kaufmann war Pap gewesen, hatte sich traditionsgemäß nach dem ersten Enkelkind rufen lassen. Heimlich, im Freibeuter nur, wo die Familie nicht verkehrte, die mit dem früheren Teil von Mam Duras Werdegang nicht übereinstimmte, schon gar nicht mit ihrer Verbindung zu Trux dem Fuchs. Altpap freute sich, wenn er seinen Altpapnamen hörte, nichtsdestotrotz teilte er Pap Duras Meinung zu Duras Verschwinden.

Nur Dura selbst glaubte, sie sei freiwillig fortgegangen. Pap Dura erinnerte sich an die übertriebenen Huldigungen, an Duras Lachen, ihre selbstverliebte Hingerissenheit. Sie glaubte, mit ihren Reizen all diese Männer zu steuern, zugleich sie sich vom Leib zu halten, wie einst ihre Mam das gekonnt. Er selbst stutzte zwar, kam aber an jenem Abend noch nicht ganz hinter die Wahrheit, wollte Dura bloß mahnen, fiel prompt herein auf die Ablenkungsmanöver der Holzlander.

Denn sie waren nun einmal Truxleute, handelten in Truxens Auftrag, hatten sich als Stammgäste eingeschmeichelt und spiegelten nun Dura das Nötige vor, um sie fortzulocken, um sie ohne Schläge zu halten. Die hatten ihren Spaß mit seiner Tochter, brüllhübsch wie ihre Mam, nur leider nicht so abgebrüht, und mit diesem herzlosen Auftrag, der zu tun hatte mit dem Vorleben von Mam Dura, seinem wunderherrlich‘ Luder.

Sofort nach Duras Verschwinden heckte Pap Dura jenen kühnen Plan aus, schuf das Kellerversteck, nutzte seine, vor allem aber Altpaps Verbindungen und kam prächtig in Schwung mit der Rachevorbereitung, als Altpap unvermittelt nach droben ging, der letzte ihm wohlgesonnene Verwandte. Das brachte Pap Dura zur Besinnung. Er bekam klar: Vergeltung für Dura heilte nicht ihre Schwester.

Sara musste lebenslang versorgt werden, der Freibeuter bot alles Nötige, aber Sara war noch nicht mündig. Sie konnte ihn nicht selbst betreiben, wenn der Rachezug ihren Vater das Leben kostete. Also verschob er ihn vorerst, ließ eine Verfügung aufsetzen, nach seinem Drobengang sollte Sara der Kleine Freibeuter gehören, der jeweilige Pächter hatte für sie zu sorgen. Das erledigt, musste er ihr nur noch beibringen, wie sie sich nicht übers Ohr hauen ließ.

Der Rachezug ruhte noch immer, denn mit dem Beibringen war es nichts geworden. Anfangs hatte er geglaubt, Sara verstelle sich, zumal die frühere Klugheit gelegentlich aufblitzte. Doch ihre Denkstube war und blieb aus den Fugen. Schließlich hatte er ihr im Kellerversteck einen Winkel eingerichtet, Freistatt für Tage, an denen es ihr schwerfiel, Sara zu sein, aber kein Freibeuter. Diese Zuflucht war das einzige Geheimnis, das zu wahren sie imstande. Manchmal beneidete er sie fast darum.

Weiterlesen?

zurück ← ↑ hinauf → weiter