Auf Schatzfahrt. Roman.

25. Ärger nie den Smutje

Neunter September, im Konvoi nach Rabazon

‚Im Rauschen sollt ihr Wohnung nehmen.‘ – Das war Homme, stellte Berrzak fest und hatte es doch schon gewusst, denn zugleich hörte er sich antworten: ‚Du kannst nicht in meinem Rauschen wohnen.‘‚Das Rauschen gehört allen‘, sagte das Wesen, das aussah und klang wie Homme. ‚Noch ist dein Wissen gering.‘ Homme lächelte ihn an auf seine zutrauliche Art, die zu seiner Aussage nicht passte.

Berrzak brachte es nicht fertig, ihn zurechtzuweisen. Homme zeigte manchmal Anzeichen des schwachen Rauschers, doch seit er acht Jahre zählte, stand er an Bord seinen Mann, hielt immer länger durch als Kom-Stütze. Eine Gabe, die ein Mensch besaß oder nicht, die eins nicht lernen konnte.

Aber Pap Perri glaubte sich gescheitert an einem Sohn, der in keiner landgeborenen Zunft als Lehrjunge durchhielt, ständig sein Werkzeug verlegte und auf sich selbst gestellt nichts zuende brachte. Es schien, als stünden Homme nur auf See all seine Fähigkeiten zur Verfügung.

Und doch wäre es vernünftig, für die Schatzfahrt einen zusätzlichen Mann anzuheuern. In der festen Mannschaft fehlte Simmen. Ob DennDīnn auf Rabatz zu ihnen stieß, war ungewiss. Ebenso, ob Berrzaks Kom inzwischen stabil genug war, um auf der Kalkinsel-Route den Ausfall einer Kom-Stütze zu verschmerzen. Diese Strecke forderte ihn auch so gehörig.

Perri wusste das, dennoch würde er einen Extramann als wandelnde Zurschaustellung von Hommes Unfähigkeit deuten, als Angriff auf das Selbstvertrauen seines Bruders, das auf der Welt allein Perri als zerbrechlich wahrnahm. Wenn es um Homme ging, verlor Perri die klare Sicht.

Homme selbst – wo war er abgeblieben? Berrzak erfasste, daß er wachlag, er wusste Schiffsposition und Zeit, sah die innere Landschaft seines Kom. Aber er bekam nicht klar, seit wann. Bis wohin hatte der Traum gereicht?

Ein Traum, wie ihn Kapitäne träumten, er hatte viele gefragt, alle kannten das. Lebensechte Begegnungen im danebengelegten Kom, die sie erst im Wachzustand als geträumt erkannten, an Eigentümlichkeiten wie einem alterslos schönen Homme, Weisheit auf den Lippen. Und doch blieb immer eine Ahnung, diesen Bildern wohne Wahrheit inne.

Woher kamen die Träume? – Grübeln gehörte zum Austernfieber, das lag hinter ihm. Berrzak stieg aus der Koje, warf die Jacke über, entließ Krah in den Morgen des neunten September. Ging durch leichten Nieselregen zu einer der Annehmlichkeiten der Hundebunt.

Kein stiller Ort, der Kapitäns-Abort, dafür immer frei. Kein Vergleich zur Mannschaftsklappe, weiland als Kapitänsschüler. Nach deren Besuch hatte Berrzak ein einziges Mal die finalen Handgriffe vernachlässigt, in ständiger Konzentration auf seine Kom-Persönlichkeit. Auf Deck hatte er nur bemerkt, daß er zunehmend schlecht vorankam, bemühte sich, würdig an der Wache vorbeizuschreiten. Bis ihre Jungmädchenstimme meldete: ‚Orsen voraus!‘, und von bugwärts der Kapitän röhrte: ‚Pack den Lund ein, du Hoppedeck.‘

Lang her. Der gestrige Tag war vergangen über ausgedehnten Routinearbeiten und Mahlzeiten. Kanda hatte sich einen Finger gequetscht, war bewusstlos geworden, Perri hatte Berrzak dazugerufen, ratlos wegen der Geringfügigkeit der Verletzung. Mit Rammak hatten sie den Knaben wieder zu sich gebracht, er hatte noch eine Zeitlang dagesessen wie ein Tölpfisch. Perri hatte ihn in Bewegung setzen wollen mit der Anmerkung, Blümchenstreichler hätten eben zarte Hände. Kein Erfolg. Eine Zeitlang später war Kanda wieder am Schaffen gewesen, blass noch, aber wohlauf.

Die weitere Planung der Schatzfahrt hatte Berrzak Kandas wegen verlegt, auch die Dragendöter mochten seine Männer lieber unter sich betrauern. Nahm Berrzak an, denn nicht mal Perri hatte ihn auf das Unglück angesprochen. Früh schon hatten die ersten im Quartier gehockt, die Hundebunt bot Kabinen. Dünnwandig, aber heimeliger, heimlicher auch, als ein Mannschaftsraum.

Krah hatte den Benimm auf Kazon zurückgelassen. Homme hielt ihn mit der Schleuder in Schach, hatte sich ein Berrgarstuch um die Stirn gebunden, um die erbeuteten Federn hineinschieben zu können. Der Smut trug Wolle auf dem Kopf, dem warmen Wetter angepasst mit eingewirkten Löchern. Aussparungen für Federn, wenn es nach Homme ging, aber er kam nur langsam voran damit, sich selbst so ein Ding zu häkeln.

Spät am Abend war Perri zu Berrzak gekommen, hatte gefragt, ob er eine zusätzliche Deckswache wünschte. Einer blieb immer wach, das genügte auf so kleinem Kom-Schiff, Perri wollte sich endlich austauschen. Doch Berrzak hatte sich Stunde um Stunde beherrschen müssen, nicht selbst von der Dragendöter anzufangen, er hatte diesen Kummer tief vergraben, besaß nicht den Nerv, ihn wieder herauszuwühlen, und seltsamerweise fand er auch keine Anklänge davon in Perris Rauschen, also schickte er ihn auf Abruf in die Koje.

Daher wachte niemand außer ihm selbst, als der Verband eine Stunde vor Mitternacht verlangsamte. Platz drei wollte ausscheren und über die nördlich abzweigende Route nach Zenheim fahren, Mittlands Hauptstadt. Zuvor angesagt hatte der Kapitän das nicht.

Der Schiffahrtsweg von Kazon nach Rabazon lief an Mittlands Nord- und Ostküste vorbei nach Süden, der konnte doch bis Vorland mitfahren, dann die Südküste rauf bis nach Zenheim. Hatte er das ursprünglich tun wollen, hatte er plötzlich Angst bekommen vor den Weffern dort in der Strömung? Berrzaks formlose Anfrage nach ihm ergab die Antwort ‚Holler von Mittland.‘ Den Namen sah Berrzak so oder so in der gemeinsamen Kom-Verbindung, wartete auf eine erhellende Anmerkung. Sie kam nicht. Auch recht. Einer weniger im Konvoi, auf den er aufpassen musste, es sei denn, gerade der … aber wie …

Ungefähr bei dieser Erwägung war ihm Müdigkeit in die Denkstube geschwappt, hatte den Gedanken zerfasert. Kapitän Holler entfernte sich von der Hundebunt, für eine offizielle Anfrage zu seiner Kennziffer blieb noch Zeit. Am späten Morgen des neunten September erst würde die Hollermaid Mittlands Küste sichten, gegen zehn, und zur Mittagsstunde dürfte sie Zenheim erreichen. Berrzak hatte Perri gerufen, hatte sich in die Koje verfügt und das Kom danebengelegt.

Nun trat Berrzak wieder hinaus in den Nieselregen. Auf dem Großdeck begrüßte ihn gutgelaunt die Mannschaft, der Smut hatte Schwarzen ausgegeben, sammelte die Pötte ein.

„Er will keinen Röhrer brauen“, sagte Pitt.

„Das ist kein Spaß für jeden Tag“, meinte der Smut.

Perri wandte sich an Berrzak. „Was steht an, wie besprochen?“

„Ja.“ Berrzak stieg aufs Halbdeck, folgte im Kom der Seewettermeldung.

Perri teilte die Arbeiten ein, neben Reinschiff blieben fürs erste die Wachgänge mit Kontrollen der Kom-Anlage und die leichten Wischarbeiten.

„Warum die Kombüsentür?“, fragte Kanda. „Sieht doch ordentlich aus, soweit.“

„Für die Grundgepflegtheit“, beschied ihm Perri.

„Gegen die Langeweile“, meinte Pitt.

Beim Reinigen der Seeseite öffnete Kanda ständig die Tür, schob den Kopf in die Kombüse und belatscherte den Smut wegen eines Röhrers. Hartnäckig, fast schon stumpfsinnig, als wolle er sich von etwas ablenken. Verständlich, bei einem Rufer im Rauschen. Im Übrigen konnte sich eins so gut festhalten, ohne daß es auffiel.

„Ich kann den Röhrer nicht finden“, ließ jedes Mal der Smut verlauten.

Schließlich riss Kanda die Tür komplett auf, hakte sie fest, begann mit der Innenseite. „Ich weiß, wo der Smut seinen Röhrer hingetan hat!“ Ein Ruf wie für Publikum, seine Stimme trug weit auch auf Deck. „Er hat ihn sich in den Orsen geschoben, weil er so ein eigenartig Süßer ist.“

Snickern aus allen Richtungen, Kombüse inbegriffen.

Kanda freute sich über den Erfolg. Also machte er weiter. „Nicht viel Platz da so im Orsen. Den Rest hat er für ein Ritual des Vergessens verbraucht.“

Hauwau. Wusste der Knabe doch was?

Der Smut kam aus der Kombüse, baute sich vor Kanda auf. „Bin mal pissen, danach lässt du mich in Ruhe arbeiten.“ Unguter Ton.

Wie es schien, hatte es bei Anspielungen auf den Gedächtnisverlust ein Ende mit der Smutschen Langmut. Alle Mann hielten in ihrer Tätigkeit inne, beobachteten die Szene. Der Smut stand wie festgewachsen, sein Gegenüber schwankte.

Vielleicht dachte Kanda an den kleinen Ringkampf, als er Homme hatte erheitern wollen. Jedenfalls befingerte er bloß etwas in seiner Hosentasche und grinste: „Lass laufen, Mann“, wandte sich den drei runden Oberlichtern zu.

Der wusste nichts, er wäre sonst drangeblieben. Keine Klopperei, alle arbeiteten weiter. Der Smut ging tun, was er musste. Kanda schlüpfte in die Kombüse.

Berrzak trat in die Kajüte, spürte Kandas Rauschmuster unter sich, es wurde schwächer. Blieb so ein paar Augenblicke, erreichte wieder die vorherige Stärke. Kurzer Abstieg zum Proviant? Zu umständlich. Wenn er hungrig war, lag oben alles griffbereit. Berrzak ging hinaus aufs Zwischendeck, Krah landete auf seiner Schulter. Unten polierte Kanda einen Beschlag und pfiff dazu, mit Frieden im Rauschen. Nein, der hatte kein Essen stibitzt.

Perri kam aufs Halbdeck. „Unser Koch macht Essen wie Ringleute, aber er ist kein Ringmann. Er sieht aus wie ein unbegabter Vaudekla, aber er gehört nicht der Kaste an.“

Störte ihn das? „Ich weiß.“

„Wir sehen das alle, was sieht er selbst?“ Das also hatte Perri gestern abend beschäftigt.

Berrzak schwieg. Erst als Perri sich abwenden wollte, sagte er: „Ich habs euch schon gesagt, ihr müsst nachsichtig sein mit ihm. Jemand hat ihm etwas angetan.“

„Ah so.“ Wider Erwarten unternahm Perri keinen Versuch, sich die Bemerkung erklären zu lassen. „Was hat dich bewogen, ihn anzuheuern?“

Der war gut, Berrzak wandte sich ihm zu. „Was hat dich bewogen, Kanda zuzusagen?“

„Hab ich nicht, nur vorläufig. – Ja, gut, ich kann Homme nichts abschlagen, seit Altpap nach droben gegangen ist. Homme wandelt am Rande, er sagt, er darf bald zu Altpap, und er hört ihn im Rauschen, oder im Helfer-Kom, ich weiß es nicht, ich trage auch eins, und ich höre nichts. Ein falsches Signal, und Homme geht zur anderen Insel.“ Perri verstummte.

Offenkundig fühlte er sich unbehaglich unter Berrzaks voller Aufmerksamkeit, selbst er noch, nach all den Jahren. Immerhin kam er nicht auf den Gedanken, sein Kapitän könne auf der andern Insel längst weilen, könne Jorrgen tatsächlich hören. Oder sprach Homme wahr, litt Jorrgens Enkel an derselben Macke wie Jorrgens bester Freund?

Bei Gelegenheit würde Berrzak es herausfinden. Hier und jetzt musste er Perri nicht trösten damit, daß niemand mit dem überstürzten Aufbruch hatte rechnen können, daß sie Simmens wegen ohnehin zu wenig Leute waren, daß er Kanda hätte zurücklassen können. All das wusste Perri, und nun erschien der Smut auf dem Großdeck, erzeugte jenes schabende Geräusch, das alle im Rauschen spürten, und das sie vom ersten Tag an richtig gedeutet hatten.

Essen fassen. Auch einem Kom-Kapitän bot das Leben noch Annehmlichkeiten. „Er ist mein Koch“, sagte Berrzak, „weil er kochen kann.“

☆ ☆ ☆

Im Raum neben der Kombüse boten am Boden befestigte Holzbänke Platz für sechs. Mit einem Schemel am Kopfende konnten sieben am Tisch sitzen, aber der siebte Mann, DennDīnn, fehlte.

Kapitän Berrzak kam nicht in die Messe zum Essen, er ließ sich in der Kajüte servieren, und der Smut aß beim Kochen, im Stehen. Er liebte diese Küche wie alle Küchen, schien sie schon lange zu kennen, machte sich nicht länger einen Kopf drum und schlief im Proviantraum darunter.

Während am Tisch drei Mann über den Haferbrei herfielen, rührte Kanda ungehalten in seinem Napf. „Wieso hab’ ich keine Sahne drin?“

„Kannst du dir denken.“ Der Smut trat unter die Tür, rieb an einem Gegenstand, der vollständig im Tuch verschwand. „Ich hab da was gefunden drin.“

In der Sahne? Drei Mann lauschten kauend dem Gespräch. Erstaunlich genug, daß der Smut frische Sahne in seinen Vorräten hatte. Ebenso erstaunlich, daß Kanda schwieg und verwirrt dreinschaute.

„Da hast du deinen Mädchenkram.“ Der Smut überreichte Kanda ein Stück Altsilber, halbfingerlang. Ein Stockanker in der Grundform, Querstreben verbanden die Arme mit dem Stock. Oben saß eine Öse.

„Verholt“, sagte Kanda, „Kann nichts dafür“, sagte Kanda, „Kandela“, sagte Kanda, „hat ihn mir wo reingetan.“

„Ich halt’s ja andersrum mit den Mädchen.“ Abgang der Smut.

Homme snickerte, brach ab, dachte an Sascha.

„Das war die Lektion zum Spruch, der dir so gleichgültig ist wie Riffgeiermosch.“ Pitt leckte seinen Löffel sauber.

Ärger nie den Smutje“, nickte Perri.

„Was tust du ihm auch dein Schiff rein“, sagte Homme, musste wieder snickern.

„Ist nicht mein Anker.“ Kanda legte den Anhänger auf den Tisch, nahm eine Ladung Wasserbrei zu sich, malmte.

„Ankerschiff“, verbesserte ihn Pitt, „den zugehörigen Anker behütet Kandela. Womöglich haben wir hier eins von den echten alten Stücken aus der Hand des Kleinschmieds von Bekka.“

Perri betrachtete die Silberarbeit, der Überlieferung nach gab der Anker Töne von sich, wenn dem Matrosen mit Ankerschiff etwas zustieß. „Verholt wertvoll.“

Kanda schüttelte den Kopf, brachte mit einem Gulpen seinen Brei hinunter. „Den kriegst du nicht verkauft. Zu bekannt. Sie hat ihn mir heimlich in die Hosentasche gesteckt, rat mal, warum: Wenn ich damit heimkomme und sie nicht freie, sagt sie, ich hab ihn gestohlen. Da tu ich ihn lieber weg und weiß nicht, wovon sie redet.“

„Warum in die Sahne?“ Homme.

„Hab gedacht, da schaut er nicht rein beim Leeren, selbst wenns klappert. Hab selber nicht reingeschaut. In seinen Nachttopf, meine ich.“

„Was?“ Homme.

„Neuware von Gambert“, rief nebenan der Smut. „Metall mit Keramikglasur und Dichtung. Gut für Sahne.“

„Was steht er dann unten“, sagte Kanda. „Wo du schläfst.“

„Wir fuhren im Fänger, wir waren schlecht dran“, sang Pitt.

„Der Smut kotzte in der Kombüse“, lachte Kanda.

„Wir hielten uns wacker, wir gaben nicht auf“, sang Perri.

„Wir aßen danach sein Gemüse“, grölten alle, „Tau ho im Fänger, im Fänger tau ho!“

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