Auf Schatzfahrt. Roman.

24. Quarantäne

Achter September, Kazon

„Sem, du bist von Außen. Sei so gut, lauf zu deiner Zimmerwirtin und hol mir ein Bund Rinde vom Salixbaum.“

Eh? Sem sah sich nach dem Wirt um, der hockte noch immer auf dem Abort. Dann dämmerte es ihm. „Du glaubst, ich bleibe frei vom Trinkertod?“

Tine nickte.

Starkes Stück. „Und du scherst dich nicht um die Quarantäne.“ Tine wollte etwas sagen, er schnitt ihr das Wort ab. „Ja, ich bin von Außen und habe kein Rauschen, habt ihr mir oft genug ins Ohr geflötet. Aber ihr seid nicht nur des Spürens fähig, ihr könnt Leute von Außen auch hören und sehen. Ich hab keine Lust auf einen Mannweffer am Hals, im Übrigen weißt du nicht, ob ich mich anstecken kann. Vermessen, mich loszuschicken, nur weil du dir die Zeit mit Korbflechten vertreiben willst.“

Tine ließ sich auf einen Stuhl fallen, es wallte durch ihr Mienenspiel. „Rinde, keine Ruten.“

„Dann flichst du eben Matten.“

„Aufguss! Für Matten nimmst du Bast!“

Holion, machte die Augen. „Eh … ja?“

H’che!“, das kam gedämpft durch die Bohlentür. Hübsch, wenns was zu lachen gab beim Kacken.

„Du hast schon welchen getrunken“, sagte Tine etwas freundlicher. „Ich habe dich klagen hören, das Wasser deiner Zimmerwirtin sei so bitter gewesen. Es war freundlich von ihr, dir den Krug für den Nachdurst ins Zimmer zu stellen. Rinde vom Salixbaum, weißt du nicht, wofür die gut ist?“

Was wusste er von Bäumen. Seine Zimmerwirtin hantierte oft mit biegsamen Ruten, entfernte schmale lange Blätter, Unterseite silbrig. Die erinnerten ihn allenfalls an … Zweige, die bis in die Strömung hingen. Wo hatte er das gesehen?

Ach. Ein Baum am Flussufer, das war die Zeichnung auf den kleinen Tüten mit Sinas Allheilmittel gegen Schmerzen, gegen Fieber, und für Sem-in-desolatem-Zustand. Ein Pulver, das sie in Wasser auflöste, es schmeckte bitter, wenn auch nicht so arg wie das vermeintliche Heilquellenwasser seiner Zimmerwirtin. Semgo und Sinaya, sang es in seinem Kopf, er unterdrückte das, stand auf. „Genügt dir ein Bund?“

„Ja, sie wird noch nicht viel Vorrat haben.“ Tine erhob sich, kramte in einem Schrank. „Von wegen der Ausgangssperre, die soll die Gassen freihalten für Helfer und Vaudekla. Wichtig wird das erst, wenn sich die Kranken und Plünderer zusammenrotten, aber ich geb dir trotzdem was mit.“

Die Plünderer waren schon da. Sem behielt den Einwurf für sich, Tine war ihm friedlich lieber. Im Hof zur Gasse hin knirschte Tönernes über Holz, fügte sich ein mit sattem Geräusch. Ringleute bauten ihre Aborte mit Deckel.

Klackernder Riegel, Auftritt Hundwirt. Die Klopfmelodie im Trockenlager gehörte nicht dazu. „Wart noch, Sem, das ist die Krugwirtin.“ Der Hundwirt verfügte sich zur Pforte.

Sem setzte sich, sah ihm nach. Wie behaglich Tines Küche wirkte im Vergleich zum Lagerdämmer, wo murmelnd der Wirt verhandelte, zur Schwärze des verrammelten Gastraums, die dahinter dräute. Ein kinderloses Paar, stilles Leben ohne Kneipengäste. Auch Perri war kein Vater, Pitt nicht, Hetten dagegen hatte vier und war selbst eines von sieben Geschwistern. So glich sich das aus, alles ganz natürlich. Aber gegen geistige Blindheit half kein Argumentieren, daheim beharrte die Behörde für Geburtenförderung auf-

„Sie hat teils mit Paprika zahlen wollen, mir wars recht.“ Der Wirt trug einen Münzbeutel in der Hand, am Arm einen Korb, aus dem Buntes lugte. Früchte, handspannenlang und spitz zulaufend.

„Gib Sem passend für die Kräuterfrau.“ Tine griff nach den Paprika. „Die leg ich ein, frische haben wir genug.“

Der Hundwirt reichte Sem die Münzen, steckte den Beutel in eine der Gewürzdosen im Regal. Krauser Peter, las Sem, Glatter Peter. Quendeldost. Des Hundwirts neuer Koch war gestern abend auf Fahrt gegangen, mit Perri und seinen Leuten, unter Kom-Kapitän Berrzak von Oosland, dem aufgetakelten Mannsbild. Sem erhob sich wieder. „Habt ihr auch Ringe in Scheinen?“

„Wir kennen Papiergeld, seit die Zwerge zu uns kommen mit ihren großen Warenlieferungen. So viele Münzen fasst kein Sack.“

„Ist das Loch zum Aufreihen da?“

„Auf Schnüre? Dünkt mich umständlich beim Rausgeben. Die Vaudekla haben die Kullerscheiben in Umlauf gebracht, eine Anspielung auf den zentralen Leuchtturm. Aus Nickel und Messing und kostbarem Kupfer haben seine bunten Ringe bestanden, und reichen sollte er bis droben. Aber Rabazon hat nachgegeben unter seinem Gewicht, bevor er vollendet war.

Daher rührt die große Kerbe in der Südküste, seine Trümmer haben sich über den ganzen Ring verteilt. Die am höchsten geflogen sind, hat das All-Eine in die Fänger gelenkt, sie wurden zu Toren nach droben für verunglückte Seeleute. Die übrigen Stücke kannst du an manchen Stellen ausgraben, aber sie waren dem Leutholer nah. Aus Wut über die Tore in seinen Fanggründen hat er sie verdorben.“

„Hübsche Legende. Die Ringinseln sind danach benannt?“

„Mennesch. Ich zeigs dir bei Gelegenheit auf der Winkelholz.“

Hieß es nicht ‚auf dem Winkelholz’? Und was war das, ein Winkelholz? Sem überging die Bemerkung.

„Hier, binde es dir um.“ Tine reichte ihm einen Streifen Tuch in der Farbe verregneter Veilchen. „Ich konnte nur dieses finden, zum Überfärben muss ich erst Beize ansetzen mit Rotkohl. Es zeichnet dich aus als Boten, und diesen Träger gibst du deiner Zimmerwirtin.“

Ohne Umstände kam Sem in die Hurtigbachsteige, die Wallung in den Gassen hatte sich beruhigt. Seine Zimmerwirtin strahlte über das Mitbringsel, sechs verstöpselte Krüge, so schwer, daß die Griffe des kleinen Tragekorbs den ganzen Weg über geknarzt hatten. „Ist das Öl?“, erkundigte er sich.

„Balsam“, lachte sie, „für die Seele. Nur wer ‚Tripomk’ weiß zu sagen / kann noch einen Schluck vertragen.“

Offensichtlich rechnete sie mit Kundschaft, drinnen auf dem Tisch standen mehrere Körbe bereit. Einen davon bekam er mit. Nach den Krügen schien er so leicht, daß er auf dem Rückweg mehrmals nachsah, ob dank eines Hafenkinds nur der Griff in seiner Hand verblieben war.

Am großen Tisch prüfte Tine einige der Rindenstreifen, nickte zufrieden, wandte sich wieder den Früchten zu.

Vor Sem dampfte ein Becher Schwarzer, frisch zubereitet, er nahm einen Schluck, lehnte sich zurück. „Hetten behauptet, zeit seines Lebens schon steuern die Vaudekla eure Schiffe aus der Ferne. Von ihren Türmen aus, stimmt das?“

Der Wirt sah einer Fliege zu. Der Kneipenhund schnupperte an Sems Schuh. Tine zersäbelte Paprika zu bunten Streifen. Der Kneipenhund schob sich um Sems Stuhl herum, senkte die Nase zum anderen Schuh und leckte ihn ab.

Anhaltendes Schweigen, endlich kam Sem auf den Grund. „Moment.“ Für zwei Runden verlangte der Wirt einen halben Ring, das meinte die zweitgrößte Münze nach der dicken zu hundert Kuller. Ein Literkrug Omrak machte 27 Kuller, das war nicht viel. Daheim zahlte er … knapp hundert Kuller für halb so viel gutes Dunkelbier. „Zwei Runden Erzählen, sind das zwei Stunden?“

„Viermal die Uhr durch, Restzeit verfällt.“ Der Wirt griff sich eine Sanduhr vom Bord, sie steckte in einem würfelförmigen Gehäuse. „Tringster ist frei.“ Neben das Uhrglas legte er einen leeren Beutel.

Für nur einen Ring, der schien ja mächtig was zu erwarten. Hörte er mitten im Satz auf, wenn die Uhr abgelaufen war? Sem schob ihm die Münze zu. „Was hat es auf sich mit der ferngesteuerten Schiffahrt?“

„Nennt sich Kom-Schiffahrt, die hat uns Kimrak beschert. Hast ihn wacker ersäuft am hundertsten Jahrestag.“ Der Wirt warf die Ringmünze in den Beutel, drehte den Würfel mit der Uhr. „Im Hafen kannst du manchmal Dreimaster sehen, zu Kimraks Zeit waren das noch Segelschiffe. Auf Fahrt konnten sie etliche Segel setzen, je nach Wind in allerlei Formen und Größen. Nicht immer gut nah am Fänger.

Von den Fängern hast du gehört? Die meisten ziehen sich hunderte von Meilen hin, aber breit sind sie immer fünfzig, solange sie sich nicht kreuzen oder überlappen. Der Leutholer hat sie gebaut als seine Fanggründe, hat ihnen die Lust am Hiffen verliehen und ihre Grenzen verborgen, auf daß Schiffe hineingeraten. Die Seelen der Besatzung sind seine Beute.

Vor Kapitän Berrgar hat kein Segler durch einen Fänger gefunden. Auf jeder Inselgruppe kannte eins aufgrund bitterer Erfahrungen die ungefähre Lage der umliegenden Fanggründe und hielt sich fern davon. Die Vaudekla haben irgendwann angefangen, ihre küstennah gelegenen Wohntürme mit Signalfeuern und –hörnern auszustatten, haben neue errichtet, wo es nottat. Doch was die Fänger anging, waren sie nicht klüger als alle anderen.

Bis Kapitän Berrgar kam, und der war ein Ringmann, kein von den Klainen. Weißt schon, von den Klainen ist der Herkunftsname aller Vaudekla, sie sind eine Kaste. Im Logbuch kürzt du das ab als v.d.Kla.

Angefangen hat Kapitän Berrgar als Warner, kein Schiff fuhr damals ohne, und jeder Kapitän hielt sich Jakobsvögel. Die Jakobs ließen in Fängernähe die Schellen unter ihrer Stange klingen, und die Warner wanden sich in Anfällen. Manchmal warnten sie alle miteinander zu spät, denn ein Segler ist abhängig vom Wind, und das Hiffen liebt die Segel wie der Fänger das Hiffen.

Das wilde Hiffen von dazumal bildete sich nur auf freier See, ganz wie die heutige Form. Aber ab einer gewissen Höhe gedieh es auch auf dem Holz der Masten und Rahen, auf dem Tauwerk, und es wucherte. Pech für die schönen Klipper mit ihren überhohen Masten. Leinen gedeiht hier nur mäßig, Segel bestanden vorwiegend aus Wolle, das schiere Gewicht des Hiffens brachte sie zum Reißen. Auch wer Netze davorspannte, musste sie ständig flicken oder erneuern lassen. Kein Klacks bei einem Dreimaster mit Stücker anderthalbtausend Spannen Segelfläche im Quadrat.

Je näher ein Schiff an eine Fängergrenze geriet, desto heftiger wucherte das Hiffen. Selbst bei günstigem Wind war ein Gegensteuern bald nicht mehr möglich, so stark wurde der Sog des Fängers. Schließlich sprühten Funken, erst von den Spitzen der Masten, dann von den Enden der Rahen, Lichter zuckten darüber weg, lautlos, immer mehr, bis die Segel in Flammen standen, ohne verzehrt zu werden. Den Seeleuten sträubte die Erscheinung das Haar, erlebe das am eigenen Leib, und du lachst nicht mehr drüber.

Das Kalte Feuer gilt als Atemhauch der Seedrachen, es geht nicht an Holz, es geht auf die Seele. Allein sein Anblick nimmt der Mannschaft die Handlungskraft, denn Seedrachen dienen dem Leutholer. Einem mutigen Kapitän bleibt die Befehlsgewalt erhalten, doch was nutzt sie ihm, keiner seiner Männer ist zum Tun mehr fähig. Steht der Wind ungünstig, verschwindet das Schiff binnen Augenblicken im Fänger, und die Schreie der unglücklichen Matrosen verklingen, als schließe sich ein gewaltiges …“

Klopfen an der Pforte.

„… Maul.“ Der Hundwirt kippte die Sanduhr in die Waagerechte, ging nachsehen. Kam mit Hetten zurück. „Mögacht“, sagte Hetten. „Ists recht, wenn ich den Zweiten mache?“

Höfliche Frage, Sem gab das Mögacht zurück und nickte. Nur der Besteller der Geschichte zahlte.

Der Wirt stellte die Uhr aufrecht und erzählte, wie jener Held namens Kapitän Berrgar eine unerwartete, ganz und gar nicht warnermäßige Laufbahn einschlug und nach Jahrzehnten auf See herausfand, daß sich Fänger an bestimmten Stellen queren ließen. Um den Preis seiner Mannschaft, schlussendlich aber vermaß er fast alle Fängergrenzen im Ring und kartierte sie. Der Gebrauch seines Kartenwerks verkürzte die Schiffswege, das Reisen wurde sicher, und zwischen den Archipelen kam der Handel in Schwung.

„Wir haben Zeitland entdeckt“, sagte der Hundwirt, „die Existenz der Kalkinseln wurde bewiesen, Temme von Oosland hat das genutzt. Es heißt immer nur, er sei vor dem Großen Durst geflohen, aber er war auch vorbereitet, er hat auf der Augeninsel eine Siedlung gründen wollen, der Ring war damals schon überbevölkert.

Achtzig Jahre nach Temmes Flucht ist ein Ringwächter namens Kimrak-“, er unterbrach sich, sagte dann: „… auf Forscher getroffen, sie trugen Ungutes im Sinn. Kimrak war der Kommandoführer, er glaubte den Versprechungen dieser Leute, nutzte seine Freiheiten als Oberster aller Ringwächter und brachte sie zu einer Insel randlich der Südwestlichen. Wenige Monate später ereignete sich Kimraks Ende, brachte mit einem Schlag die Segelschiffahrt zum Erliegen. Aber das ist eine eigene Geschichte, eine lange, die einen Abend füllt, du hörst sie ein anderes Mal. Es hat Jahre, teils Dekaden gebraucht, bis alle erfahren hatten, was geschehen war, und daß es alle Inseln betraf.

Recht bald sind die Zwerge im Ring erschienen, es heißt, die Vaudekla haben sie hergeholt. Und dann hat der Schwarze Benten einen Warner mit Hiffen gequält und ist umgekommen dabei. Ein Pirat ist der Benten gewesen, Kommandant über ein Ruderschiff, Segeln ging nicht mehr. Seinem bösartigen Einfall verdanken wir die Erkenntnis, mit der Vaudekla, Zwerge und die Forscher das Kapitäns-Kom entwickeln konnten.

Heute macht der Zwergenantrieb unsere Schiffe vom Wind unabhängig, und der alte Hetten hat wahr gesprochen, die Türme halten sie auf den Routen. Kom-Fühler liefern die notwendigen Angaben, auch dem Kapitän. Er steht mit dem Netzwerk der Türme und mit dem Schiffs-Kom in Verbindung, er überwacht Schiff und Mannschaft, kümmert sich um die Feinheiten im Kurs, gleicht die Verzerrungen durch die Fänger aus.

Noch immer wächst Hiffen auf Segeln, heute gewinnen wir Zwergenkraft daraus. Noch immer gieren Leutholers Fanggründe nach dem Hiffen, aber nicht mit der einstigen Gewalt. In unseren Tagen gerätst du eher in einen Weffer, als daß du einem Fänger auch nur nahe kommst, denn wo du wann fährst, das bestimmen die Türme.“ Der Wirt tippte gegen die Sanduhr, letzte Körner rieselten ins untere Glas.

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