Auf Schatzfahrt. Roman.

23. Hörst du mich?

Achter September, im Konvoi nach Rabazon

Kapitän Holler lehnte auf dem Schanzkleid, genoss die ruhige Fahrt. Wenn er sich nicht bewegte, blieb er fast schmerzfrei, auch der Schwindel hielt sich in Grenzen.

„Ziemliche Flaute.“ Neben ihm spähte Menden in die Nacht.

„Im Ring herrscht Dauerflaute“, sagte Holler, „im Orsen geboren und dort verendet.“

„Wäre eine verendete Flaute nicht der Beginn eines Sturms?“ Mendens Lächeln im Schein des Glühfischs.

„Hat sich ausgestürmt. Die wilden Ostwinde sind mit Kimrak zugrunde-“ Holler hielt die Luft an. Druck im Schädel, der Schwindel lebte auf, Zerstörung durchwanderte die Landschaft seines Kom. Oder zerfiel seine Denkstube? Vorsichtig atmete er weiter.

„Kimraks Ende hat nicht nur Schlechtes gebracht“, bemerkte Menden. „Wir haben die Kom-Schiffahrt entdeckt. Der Trinkertod wütet seitdem weniger heftig. Die schwarze Wolle ist begehrt im Außen.“

Gegen Trinkertod und Schmerz feite Omrak. Das Hirnweh in Omrak ersäufen, oh wie Holler das wollte. Er hatte das Trinken lange üben müssen, hatte nie genug haben dürfen, das lag am Fluch des Kom. Und jetzt war selbst das Vergnügen der Tagesration von drei bis vier Kapitänsbechern dahin. Ein Schluck, und er hing reihernd überm Schanzkleid. Wenn er es bis dorthin schaffte.

„Wir fuhren im Fänger, wir waren schlecht dran“, sangen die Matrosen im Laderaum, „der Käpten ging über die Insel.“ Menden summte mit.

Wer über die Insel ging, verließ das Diesseits. Wer zur andern Insel ging, verlor den Verstand. Wer fühlte sich besser? Bislang kannte sich Holler nur mit letzterem aus, er wandte den Kopf, starrte auf eins der Positionslichter von Platz vier im Verband. Kein Fixpunkt, aber es half trotzdem gegen den Schwindel. „Sieh dir die Dreimalstark an“, sagte er, unbekümmert ums Dunkel der Nacht, „die wurmzerfressene Holzbüchse. Einen schlappen Lappen führt sie am Großmast, im Hafen waren’s noch vier. Angeblich stammt sie aus Kimraks Zeit, war das Schwesterschiff der Dreimalstolz.“ Eitel Prahlerei vom Saufbolzen.

„Das ist richtig, Kapitän. Im Bilderhaus auf Rabazon findest du ein Gemälde von ihrer Taufe.“

„Öch.“ Heb dich ins Droben, du allwissendes Hübschgesicht. Holler ließ Menden stehen, stapfte quer übers Deck nach achtern. Oben müffelte das Segel. Statt Zwergentuch führte die Hollermaid eins aus Wolle mit Leinenanteil, voller Fettflecken, Flickstellen und anderweitigen Applikationen. Mit diesem Fetzen hatte sich schon Kapitän Berrgar lieber den Orsen gewischt, das sah eins, und das roch eins auch. Natürlich war es umgearbeitet zur Kom-Tauglichkeit, aber warum beim Leutholer musste seine schöne HollermaidEh?

Direktemang aus seiner Kajüte wankte ein Schemen, Holler stürzte sich auf ihn. Bekam einen klebrigen Matrosen zu fassen, dessen Atem vom Besuch des Hollerschen Omrakfasses zeugte. Der übliche Weg wäre, ihn an Menden zu übergeben, doch Hollers Fäuste sprachen, bevor er ihnen das mitteilen konnte. Der Kerl hatte gesoffen wie eine Ziege im Sommer, ging aber nur widerwillig zu Boden. Ho, endlich. Durch diesen Schlund floss so schnell nicht wieder, was der eignen Kehle verwehrt blieb. Holler ließ ihn liegen.

In der Kajüte kam er zur Besinnung. Sein Verhalten stand einem Kapitän nicht wohl an, ob einer was mitgekriegt hatte? Kein Lärm, nur das Gelall des armen Schlorks– Ein Zucken im Kom unterbrach den Gedanken, wurde er am Ende noch gefühlsduselig? Das musste heißen: Kein Lärm, bis auf das Geseier dieses von Kotgedünst umschmeichelten Mickergemächts!

Gab es dennoch einen Zeugen, dann war der eine Feigschleiche, die sich nicht ermannt hatte für einen Schiffskameraden. Einen Kameraden, der einen guten Schluck zu schätzen wusste. Der nicht gespürt hatte, wer da über ihn kam. Nach dem Rausch würde Schmerz sich einstellen. Gefühlsdusel hin oder her, der Mann brauchte Hilfe. Holler griff sich den Glühfisch.

Im Windfang, den er vor langer Zeit von der Kajüte hatte abknapsen lassen, beleuchtete er im Vorübergehen das im Gestell vertäute Fass Berrgenheimer Doppelkiek. Hielt an. Unterm Zapfhahn stand leer sein Wasserkübel, an den Innenseiten klebte dunkler Schaum.

Jenseitszeiten, was für ein Gierschlund. Das Hirnweh pulste, er betrachtete die Schaumkrusten, und dann war da wieder die zweite Sichtweise. Sie kam und ging, das fühlte sich an, als wohnten da noch welche in seiner Denkstube.

Das Navigieren im Konvoi beanspruchte ihn wenig, doch sobald er sich diesen Anderen in seiner Denkstube zuwandte, kam ihm abhanden, was er hatte tun wollen. Zurück blieb die Ahnung, daß etwas nicht stimmte. Mit seinem Segel, das er doch immer aus gutem Zwergentuch in der Bordfarbe fertigen ließ. Mit der Galionsfigur der Hollermaid, keineswegs ein Mädel, sondern eindeutig männlich und mit einer Axt bewaffnet. Mit allerlei mehr, aber darüber nachzudenken rief das Hirnweh.

Und wenn er klein anfing? Er hieß Holler von Mittland. Sein Schiff war die …? – Da ging es schon los, er starrte den Kübel an, rang um Konzentration. Hollermaid klang verkehrt, und wieso Mittland, das war nicht seine Heimat, und wo beim Leutholer kam dieser ‚Holler‘ her. So hieß er nicht. – Du bist Holler.Nein, er ist Holler.Wer ‚er‘?

Grell schoss der Schmerz durch die Denkstube, er ließ den Glühfisch fallen, wankte zum Tisch und krampfte die Hände um den Kopf.

Hörst du mich?

Der war neu. Seine Stimme klang, als wisse er, was vorging.

Es klopfte, Kapitän Holler spürte Menden draußen. Wieviel Zeit war vergangen? Vorm Fenster lag noch immer Dunkelheit. „Tritt ein.“

„Haben den Mann versorgt.“ Menden schloss sanft die Tür, hob den Glühfisch auf, hängte ihn an den Deckenhaken. „Geht’s wieder?“

Lass das Getue, Hübschgesicht. Von mir kriegst du kein Bekenntnis.Wer sagt das?Kapitän Holler sagt das. Hau ihm eine rein.Schweigt. – Diesmal gelang es Holler, seine voreilig zuckenden Fäuste zu bezähmen, er erhob sich, präsentierte die stattliche Kapitänsbrust. Bislang hatte er nur Stimmen gehört, nun befolgte er ihre Ratschläge.

Auch nicht schlimmer als vorher. „Wir erreichen in Kürze die nördliche Abzweigung nach Mittland“, sagte er. „Die Genehmigung zum Ausscheren aus der Rabazon-Route habe ich vom selben Turm erhalten, der mir den Aufschub gewährt hat. Einem Mittlander Turm. Die fehlende Ansage, daß Mittland mein Ziel ist, habe ich durch den überstürzten Aufbruch begründet. Der Vaudekla nannte mich eine ‚Mittlander Scherzrübe’.“

Das Unterlassen der Ansage war notwendig gewesen für den Plan, denn wer ausscheren musste, wurde an den Schluss gesetzt, nicht auf Platz drei. Aber wieso wurde er als Mittlander angesprochen? Holler sah Menden an mit hochgezogenen Brauen, das Hirnweh hielt ihn vom Fragen ab. Schon verflüchtigte sich die Frage. „Ich werde mir das Ausscheren auf Deck anschauen.“ Er trat in den Vorraum.

◊ ◊ ◊

Verdutzt blieb Menden zurück. Es war gut eine Stunde vor Mitternacht, der Himmel bedeckt, von den Schiffen waren bestenfalls die Positionslichter zu erkennen. Da sah eins nicht viel vom Ausscheren, und um es im Kom zu betrachten, brauchte Kapitän Holler nicht an Deck zu gehen.

Der musste an die Luft, so wie er dagesessen hatte, bleich und mit verzerrtem Gesicht. Obendrein roch es hier nach Omrak, und vorm Fass im Windfang stand eine Lache. Holler hatte nüchtern gewirkt, auch im Rauschen, aber die dunklen Stellen auf seiner Jacke zeugten von Feuchtigkeit, und der klagende Matrose hatte vor seiner Tür gelegen.

Seit der ersten Begegnung hatte Menden den Kapitän nicht wieder betrunken erlebt, aber das hatte nichts zu sagen. Der Alte liebte den Omrak, also drauf achten, sonst verdarb er den Plan. Wie scheel er wieder nach dem Segel geschaut hatte …

Mendens Münzbeutel war kein Säckchen-lang-hinein. Vor einigen Wochen hatte er halblang machen müssen beim Neuausrüsten der Hollermaid, doch kein Pfandleiher wollte sich einlassen auf den in Aussicht gestellten Schatzanteil: ‚Temmes Höhlen bietest du als Sicherheit? Hauwau! Hat dich eine Möwe im Orsen geküsst?‘

‚Kauf lieber die Riementreu, sie wird dieser Tage versteigert“, riet ihm ein Geldverleiher. „Da brauchst kein Segel, kannst hübsche Kerle anketten und dir jeden Tag einen vornehmen.‘‚Ich schieb ihn lieber in ausgefranste Hängeorsen‘, hatte Menden entgegnet, ‚wär dir ein Platz am Gang recht?‘

Die Riementreu war ein uraltes Läuterer-Ruderschiff, und daß er aussah wie einer, der mit Männern geht, wusste Menden schon seit der Spätschule. Den mehr oder weniger verblümten Einladungen begegnete er gnadenlos. Geneckt zu werden konnte er nicht verknusen, und die da fragten, wussten recht gut, daß er nicht von ihrem Schlag war.

Im Übrigen setzten auch Ruderschiffe Segel. Bei einem Trödler entdeckte er das wollene, feilschte ohne Erfolg und zahlte teils in Steinmünzen, noch immer zornig wegen des Geldverleihers. Der Trödler nickte, machte Anstalten, die Summe einzustreichen.

Doch neben Menden roch es unvermittelt nach Kneipenhund, das Tier sagte ‚Huff‘, daß Mendens Tuchweste flatterte, sah dann aufmerksam zu, wie er die mit Metall überzogenen Steinringe durch gute Ringmünzen ersetzte. Sämtliche Kunden und Gehilfen wohnten der Vorstellung bei. Niemand sprach, aber bei jedem Innehalten flappte Mendens Weste.

Trotz allem hatte er sich nach diesem Einkauf besser gefühlt. Einen zählenden Kneipenhund traf eins nicht alle Tage.

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