Auf Schatzfahrt. Roman.

21. Kapitaler Junghirsch

Achter September, im Konvoi nach Rabazon

„Was hat dich weggetrieben von den Blumenbeeten?“, fragte Pitt.

„Ja, wir kümmern uns auch um Blumen“, sagte Kanda, „und wir gewinnen Samen und züchten neue Sorten. Aber das ist Arbeit für nebenbei.“

Pitt schwieg, leise verwundert über Kandas Nachdruck.

„Da schaust du“, sagte Kanda. „Wir ziehen Gemüsesetzlinge, erhalten Pilzkulturen, liefern Reisig und Kompost, pflegen Hecken und Leuchter, dazu kommen noch die Neuanlagen. Wir machen viel mehr als eins denkt, aber vor allem sind wir für die Bäume da, und wie wichtig die sind, das weißt du nicht, du würdest sonst nicht spotten.“

„Gut gesprochen“, entfuhr es Pitt. Ein Hallodri mit Berufung, wer hätts gedacht. „Warum dann noch zur See fahren?“

„Na, um Beute zu machen.“

„Ah so.“ Hielt er die Hundebunt für ein Piratenschiff? „Nun gut, bei Kapitän Berrzak kannst du viel lernen.“

„Ist er wirklich ein Kom-Kapitän?“, fragte Kanda.

Eh. „Wie meinst du das?“

„Die richtigen sind von einem Kom-Werker ausgerüstet“, sagte Kanda, „die können stundenlang ohne Bewegung dastehen. Sie sprechen nicht und kriegen auch nichts mit, weil sie die ganze Zeit auf das Schiff aufpassen. Ich weiß nicht, schafft unserer das nicht? Kapitän Berrzak geht rum und redet, er lässt die Türme alles machen. Was soll er mir da groß beibringen, er passt nicht mal in seine schöne Uniform.“

Öch. „Zum Kapitän braucht es die Kom-Begabung und Jahre des Übens.“ Schwachen Rauschern fehlte die Kraft zum Erkennen der Wahrheit, aber den Versuch war es wert. „Des weiteren Vorstellungsvermögen, Erfahrung, Besonnenheit, und die Fähigkeit, ständig verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Nicht Herumstehen, in bunten Stoff gewickelt und mit wichtigem Gesicht. Diese Sorte verkauft sich an Yachtleute, oder sie pendelt zeitlebens zwischen Hier-furzt-der-Wind-Land und Kleinkaff-auf-Nirgendwo.“

Wissender Blick von Kanda. „Die vom Clan bauen sich Kapitäne nach ihrem Geschmack. Wer was anderes will, muss sich selber helfen.“

Eben noch berufen, jetzt ein Junghirsch, der sein Unwissen in den Bordwind röhrte. Immerhin überkam ihn kein Gähnen, wie es Homme befiel bei Vorträgen von mehr als zwei Sätzen Länge. Aber wie es aussah, siedelte Kandas Ehrbewusstsein einzig im Gärtnern. Mit ‚die vom Clan‘ meinte er vermutlich die von den Klainen, die Vaudekla. Eine Kaste, Clans kannten nur die Zwerge. Pitt setzte an zu einer Zurechtweisung, besann sich.

Kanda feixte, hielt sich den Kopf. Glaubte offensichtlich, einen erfahrenen Seemann mundtot geredet zu haben. Ein kapitaler Junghirsch. Kapital blind. Und noch immer im Griff der angeblichen Sommergrippe, ein Yachtleute-Wort, das er nachsprach wie aufgeschnappt: Sommerkrippe, ohne Gespür für den Sinn.

„Kanda, du hast Dienst.“ Homme kam aus der Kombüse. „Alles sauber und weggeräumt, und Luftmaschen kann ich jetzt auch, aber das ist noch Häkeln, Stricken zeigt er mir erst, wenn ich mit der Häkelnadel was zustandebringe. Du hilfst fürs Abendessen, geht es dir besser?“

„Passt schon. Hab Hunger.“ Kanda rückte ab.

Pitt schaute Homme an.

Offenbar zu eindringlich, Homme machte große Augen. „Pitt, du weißt doch alles. Warum sagen wir ‚Vaudi’ zu einem dummen Kind?“

Jorrgens Enkel, mitunter wacher als eins glaubte. Ablenken wollte er. Pitt tat ihm den Gefallen, erzählte die Geschichte, fragte in Hommes Snickern hinein: „Was ist das mit Kanda?“

„Er hats schwer.“ Homme, umgehend ernst. „Ein Trunkenbold als Pap, und vier böse Schwestern.“

Pitt enthielt sich einer Bemerkung. Schweigen brachte die Leute zum Reden.

„Seine Leute haben kein Lehrgeld zusammengebracht“, sagte Homme.

Von achtern nahte Kapitän Berrzak, Pitt tauschte einen Blick mit ihm.

„Er hat bei seinem Pap in die Lehre gemusst.“ Homme schien den Kapitän nicht zu bemerken. „Wenn wir im Hund von unseren Fahrten erzählt haben, ist er nie zu Wort gekommen, wir haben ihm gesagt, die Bäume wachsen doch von selbst, und Blumen sind für Kinder, dafür wollte er dich prügeln, du hast das gespürt. Aber wir waren alle gut was jünger, also hat er sich beherrscht, bis er im Rauschen gebrummt hat wie Altmams Wasserkessel.

Das war anständig von ihm, aber ein paar von uns fanden es zum Lachen, die haben ihn dann ‚Blümchenstreichler‘ gerufen, ‚Laubsammler‘ und so, bis er vor Wut stracks zur Tür rausmusste, weißt schon, um keinem was zu tun. Aber diesen Frühling hat er mit …“, Homme sog die Unterlippe ein, ließ sie los, „hat er von seinem Ersparten die Kleine Fahrt bezahlt, und jetzt ist er Quartmatrose.“

„Mennesch“, sagte Pitt. Matrosen waren stets auch Kom-Stützen, und daß Kanda dazu nicht taugte, sah selbst ein Blindgeher.

„Och Pitt“, sagte Homme, „er hat doch bloß geheimhalten müssen, daß er auf Fahrt geht, sein Pap hätte ihm sonst den Sparkuller weggenommen. Wir haben uns gefragt, wo er steckt, aber keiner hatte die Traute, zur Gärtnerei zu laufen und zu fragen.“

Perri kam vom Mannschaftsabort, musste lachen. „Wegen Mam Sanda?“ Das war Kandas Mutter, keine zum gut Kirschen essen.

„Auch“, sagte Homme, „die sind alle Kläffsen bis später droben, und Kanda ist unter Kapitän Smokken von Suderland gefahren, bei den Sudersern brauchst du kein starkes Rauschen als Matrose. Auf der Sudersonne gabs jeden Tag Schisch, der Smutje hieß Brunnten oder so, und er konnte die besten aller Honigschnitten, und einmal war es so heiß-“

„Hauwau“, rief Pitt, „und immer über‘n andern Tag war Freigang, und die halbe Mannschaft bestand aus hübschen Mädchen.“ Und von wegen Kapitän Smokken, seine Suche nach einem Koch ‚der verholtament nicht säuft‘ war viel belacht worden im Hund. Jorrgens Enkel, mitunter selbst ein Vaudi.

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