Auf Schatzfahrt. Roman.

19. Heiß gereicht

Achter September, im Konvoi nach Rabazon

Kapitän Berrzak stand vor der Kajüte, stopfte störrisches Haar unter die Schiffermütze. Achtern dämmerte der Morgen und der Konvoi verlangsamte, weil ein Schiff ausgeschert wurde. Es musste zurück nach Kazon, der Kapitän hatte Seuchenkranke gemeldet, also gab es schon Fälle in der Stadt. Was schwiegen die Türme darüber?

Als der Verband wieder Fahrtgeschwindigkeit erreicht hatte, fragte Berrzak im Kom. Zwei Klabautergäste an Bord, sagte ein Vaudekla, geflüchtet aus dem Bezirk.

Ah so. Stramme Leistung. Das Schiffs-Kom hätte sie dem Kapitän melden, er hätte ihr Rauschen spüren müssen. Ebenso die Besatzung.

Läuterer brachten sowas fertig, mit der Kraft ihrer Stimmen. Und DennDīnn, er war geübt im Klabautern. Doch als Drunta blieb er vom Trinkertod verschont, genau wie Vaudekla, Hafenkinder und Zwerge. Zwerge sagten ‚blinde Passagiere‘ zu Klabautergästen, weil sie ihnen auf den Frachtern unweigerlich vor die Füße stolperten. Mit Ausnahme der Hafenkinder, die sich an Zwergenkraft nicht störten.

Berrzaks Magen grummelte in den Vergleich der Völker. Der neue Koch wusste schmackhaften Nachtspan zu bereiten, auf die Menge musste ihn Berrzak noch einstellen.

Außerdem stand Reinschiff an. Nach den ersten Dekaden als Meine Neunte war die Hundebunt für das Kom-Netzwerk umgerüstet worden. Den Schiffspapieren nach hatte es mehrmals umfassende Ausbesserungsarbeiten gegeben, und nach der Umtaufe Erweiterungen für die Schatzfahrt. Berrzak sah grau schimmerndes Holz aus alter Zeit, durchtränkt von Mitteln, die das Hiffen fernhalten sollten, außerdem Jungholz, das bereits nach Reinigung und Öl schrie, und alle Stufen dazwischen.

Die Mannschaft hatte zwei Jahre an Land zugebracht, war gewöhnt an die Dragendöter, von Beginn an eine Kom-Rennyacht. Stahl und Lack. Hiffenabweisend. Holz nur fürs Auge, als Verkleidung, hingebungsvoll gepflegt, denn Simmens Lieder hatten die tägliche Pflicht in Glanz gehüllt. Nun sang Simmen im Hopfen, wenn überhaupt.

Besser mehr Zeit anberaumen für das erste Reinschiff, und noch vorm Mittagessen befasste er sich mit der Kiste vom Smut. Ein Notsegel musste her, bald erreichte der Konvoi offenes Meer. Soweit das auf dieser Route zu haben war. Zwerge schmunzelten, wenn Ringleute von ‚Hochsee‘ sprachen.

Wie waren die anderen bestückt, Berrzak stieg aufs Kajütendach. Gerade rechtzeitig, um zwischen den Rahen von Platz zwei ein Segel sich entrollen zu sehen, der Stoff schwarz vorm werdenden Morgen. Merkwürdiger Umriss. Durch den Kieker zeigten sich Teile eines vertrauten Schriftzugs, die hatten ein Bierzelt zersäbelt und angeschlagen. Bald würde die Hundebunt ähnlich einherfahren.

Erst wollte er einen Nachschlag, er ging wieder aufs Halbdeck, blickte zur Kombüse hinunter. Vor der Tür stand die Mannschaft versammelt, Metall warf Reflexe.

„Nehmt sie am Griff.“ Der Smut gab die Näpfe aus, die er beim Krugwirt aus der Küche geholt hatte. „Schneller Röhrer wird heiß gereicht.“

Puppengeschirr für Männer, unwillig fassten sie die Henkel mit zwei Fingerkuppen. Aus einer dampfenden Blechkanne goss der Smut jedem ein, blinzelte in die aufsteigende Sonne.

„Sieht aus wie Schwarzer“, sagte Kanda. „Hast du keine Pötte?“

„Trink“, empfahl ihm der Smut.

Kanda rührte sich nicht.

Homme schaute Kanda an, blickte zum Smut, zu Perri.

Perri sah Pitt an, dann Homme, dann Kanda.

Kanda grinste, zuckte die Schultern.

„Macht hin“, sagte der Smut, „er wird kalt.“

„Wo ist deiner?“, fragte Kanda.

„Hab’ schon.“

„Wer’s glaubt!“ Kanda glich schwaches Rauschen aus durch Misstrauen. „Wenn du keinen trinkst, rühr’ ich den Börrks nicht an.“

„Börrks?“ Der Smut blickte in die Runde, sah Zweifel an seiner Kunst. „Daß das klar ist, wenn ich zwei nehme, dann nehmt auch ihr zwei.“ Er stapfte in die Kombüse, kam umgehend zurück mit dem fünften Napf. Der sah tatsächlich benutzt aus, und die Kanne gab noch eine halbe Portion her. „So, ihr Dünnbärte. Einen schnellen Röhrer stürzt eins runter, ihr werdet mich noch anflehen drum.“ Der Smut warf trinkend den Kopf in den Nacken. „Arrrh!“ Er schüttelte sich, wirkte hellwach.

„Scheint nicht übel zu sein“, sagte Pitt.

„Vielleicht ist was drin?“ Kanda.

„Wieso ‚schneller Röhrer‘?“ Homme.

„Auf dem Herd röhrt er schnell durch", sagte der Smut, "noch schneller durch die Kehle. Habt ihr Angst vor einer Pfütze, ihr Riffpinkler?“

Die vier Riffpinkler setzten an wie ein Mann, gossen sich mit Todesverachtung den Börrks in den Schlund. „Uarrgh.“ – „Woah. Der geht ab.“ – „Böööh.“ – „Huarrch.“ Alle schüttelten sich, deng-deng-ding, badöngel, die Näpfe flogen aufs Deck.

Berrzak blinkerte mit den Lidern, der Große Durst auf Kazon schien ein Traum der letzten Nacht. „Was sind das für Brunftschreie. Begrüßt ihr die Sonne?“

„Ack, Kapitän!“, schmetterten die Ringleute.

„Eine der Wirkungen des schnellen Röhrers, Kapitän.“ Der Smut verschwand in der Kombüse, Mahlgeräusche setzten ein.

Homme schaute belämmert, leckte sich die Lippen.

„Dieseit, Perri“, sagte Pitt, „du hast geröhrt wie der erste Bulle am Platz.“ In Holzlands Wäldern gedieh eine virile Population ziegengroßer Hirsche.

„Und du warst schon in der Kuh.“ Kanda.

„Wirklich nicht übel.“ Pitt achtete nicht auf Kanda. „Stark, dabei würzig, rauchig fast. Und doch von eigenartiger Süße.“

„Holt den Heiler“, quietschte Kanda, „der Gelehrte dichtet!“

Pitt stürzte sich auf ihn, Kanda wich aus, fand sich in Perris Armen wieder. Pitt setzte nach, Homme sprang dem Freund bei, im Pulk torkelten sie übers Großdeck. Eine Wolke kam des Weges, gab Wasser drauf, Berrzaks wackere Schatzsucher kreischten wie die Weiber am Waschplatz.

Gebrodel in der Kombüse, die Rangelei zerfiel in vier Männer. Sie lasen die Tässchen auf, spülten sie aus mit Regen, bildeten einen Halbkreis vor der Kombüsentür.

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