Auf Schatzfahrt. Roman.

18. Kein Verlass auf Sterne

Siebter September, im Konvoi nach Rabazon

Der Smut hob die Schultern, breitete die Arme aus. „Ich weiß nicht, ob ich Rabazon Stadt kenne.“ Wieder mal bekam er vorgehalten, an was er sich zu erinnern hatte. Mit der Geste bat er um Nachsicht.

„Weiß-nicht-Smut.“ Pitt öffnete die Blende eines Glühfischs. „Sem-sagt-nein.“ Noch eine Blende. „Seltsame Leute allenthalben.“

Zwecklos. Der Smut ließ die Arme sinken.

„Als Koch hast du zumindest gehört vom Haus der Tausend Gewürze.“ Pitt ging zum nächsten Glühfisch. „Nach der Vereinigten Brauzunft frag ich gar nicht erst.“

„Braukunst!“, rief Perri von oben. „Du bist mir ein Gelehrter. Der Verband ist nicht die Zunft, er vereint welche.“

„Er macht Preise wie die Zunftmeister“, sagte Pitt.

„Vom Gewürzhaus hat die Krugwirtin erzählt“, sagte der Smut.

Einer der angenehmeren Abende in ihrer Küche, ohne Huch!, damit er nach der Bluse schaute. Ihm genügte ihre rauchige Stimme, verheißend, sobald der Vorabend abgehustet war. So manches Mal hätte er sie gern auf den Tisch gepackt, sicher schrie sie dabei und wollte erwischt werden. Seis drum. Doch der Krugwirt schien darauf zu lauern in seiner geräuschlosen Art.

Verholt, wie lang hatte er kein Mädchen gehabt, er verbannte die Brüste, hübsche Brüste, fest noch, und rund wie- Raus aus der Denkstube mit der Krugwirtin, ihrer ewig verrutschten Bluse. Kräuter bot das Gewürzhaus, Kräuter für Küchen- und Braukunst, Kräuter für Heilmittel. Mentholbalsam gegen Hustenreiz, Bluse runter, und-

Verholt noch eins.

Kräuter. Haus der tausend Gewürze. Seltene Öle sollte es vorrätig haben, Essigvarianten, Skurrilitäten wie Würzholz, fern im Osten eingetauscht von den Gaa-Leuten, getrocknete Pilze, entwendet aus geheimen, nur von Leuchtern erhellten Kulturen der Läuterer.

Was eins eben so redete, um den Koch zu betören. Immerhin gut zu wissen, dort bekam er sicher auch Wuu-Samen. Nicht einfach, ihn richtig zu perforieren, ein paar gingen ihm immer durch.

„Ich war mit Altpap im Bilderhaus.“ Homme, vorübergehend erwacht aus der Leidenshaltung wegen der ‚Kleinen‘, die Hundwirts Tine im Stich gelassen hatte. „Wir waren beim Bild mit Kimrak, das ist so groß, vor dem musst du hin- und herlaufen, damit du alles siehst. Dann sind wir zu den Ruinen vom Zentralen Leuchtturm, die stehen neben den Hiffenhütten. Hab aber kein Kupfer gefunden.“

„Das Gemälde, von dem du sprichst, zeigt Kapitän Bannbes.“ Pitt ließ die Glühfische sein, trat zu ihnen. „Die Gebäude heißen Hiffen-Versuchsanstalten. Kein Ort, um Scherz damit zu treiben. Und der Zentrale Leuchtturm ist eine Legende.“

„Das mit Kapitän Bannbes war ja an Kimraks Ende“, sagte Homme, „da kommt der Jahrestag her, und er hat alle gerettet. Und der dickste Turm steht immer in der größten Stadt, also wars der in Rabatz, weil, Rabatz war schon immer die hauptste Hauptstadt von allen. Und vom Zentralen Leuchtturm hat Temme die Münzen gefunden, das steht in seiner Schatzbeschreibung. Deshalb sind wir doch auf Fahrt zu seiner Höhle.“

„Ja, der Turm galt als der höchste“, sagte Pitt. „Er ist auch einer der ältesten, aber nicht der aus der Legende. Die Insel Rabazon neigt sich nach Süden und bietet viel Anbaufläche, deshalb haben die Vaudekla dort die ersten Wohntürme errichtet. Sieh es dir auf der Karte an, Rabazon Stadt liegt geschützt gegen die damals noch lebendigen Ostwinde. – Holla. Lass es raus.“

Aus Hommes verkrampftem Mienenspiel wurde ein ehrliches Gähnen. Gleichzeitig musste er snickern.

„Ich muss ja für irgendwen gearbeitet haben.“ Der Smut betrachtete Hommes Gesichtsverzerrungen, sprach weiter zu Pitt, bevor der wieder loslegte. „Vielleicht erkennt mich ein Rabazoner.“

Pitt hob die Brauen. „‚Rabazoner‘, sowas weißt du.“

„Habs beim Krugwirt so gehört.“

„Wir sind nämlich Kazondger“, sagte Homme. „Auf der alten Karte beim Hundwirt in der Hörkammer heißt Kazon noch Kazondgenheim.“

„Hauwau, unser Decksjunge“, Pitt wandte sich Homme zu, „eben noch müde. Von wem stammt die Karte?“

„Na, vom Hundwirt halt.“ Kanda.

Homme schüttelte den Kopf. „So meint ers nicht“, sagte zu Pitt: “Karten hat immer Haus Winkelholz gemacht, das war nämlich eine Familienzunft. Und Rabazon hat nie anders geheißen, bis auf ‚Rabatz‘ halt. Pap sagt, der Kurzname gilt nur für Rabazon Stadt, weil, da gibts immer Rabatz.“

„Dann bleib ich besser an Bord“, meinte der Smut. „Warum wohl bin ich mit Zelt über die Dörfer gezogen? Mich wird einer rausgeworfen und in weitem Umkreis unmöglich gemacht haben. Am Ende war das in Rabazon Stadt, und der Rabatz wartet schon auf mich.“

◊ ◊ ◊

Am Himmel schwiegen die Sterne, die Leuchttürme der Drobenwelt. Perri winkte Urpap und Altpap in Gedanken. Beide hießen Jorrgen, ebenso Pap, und von welchem Jorrgen die Rede war, das wusste eins im Rauschen. Trotzdem verschwand die traditionelle Namensgebung von der Welt, die Zwerge kamen nicht klar damit.

Als Knabe hatte Perri mit Altpap und Berrzak den Urpap auf Rabazon besucht. Von Urpap wusste er nicht mehr viel, aber Altpap hatte als Küfer Zutritt gehabt zu den Tagungen der Braukunst. Berrzak wollte lieber mit Urpap schnacken, also durfte Perrri mit. Seitdem hatte er Brauer werden wollen.

Auf den Tagungen trafen sich Gesellen und Meister der vereinigten Zünfte, führten Erzeugnisse vor, tauschten sich aus. Dreimal am Tag wurde gegessen an klobigen Versammlungstischen, Relikten aus Rabazons waldreicher Vergangenheit. Abends kamen gewerbliche Erzähler, geübte Lügner, die vom schönen Zorrgan auf eine Weise berichteten, daß selbst Zwerge und Hafenkinder glaubten, sie vollzögen seine Pflichten selbst.

Ein eigenartiger Zustand, meist fand er unter besagten Tischen ein Ende. Morgens erwachte eins überm Getriebe der Hauswirtschaftsleute, den Kopf voller Katerzorn. Und fest davon überzeugt, tags zuvor einen Seedrachen besiegt zu haben.

Oder von was immer die letzte Geschichte gehandelt hatte, beim Nachtspan gab es regelmäßig ein Gekloppe, weil sich etliche mit derselben Heldentat brüsteten. Der Nachhall des Erzählten legte sich erst beim Schwarzen.

Perri sah wieder zu den Drobenlichtern auf, ihre Stellung hatte gewechselt. Kein Verlass auf Sterne, jeder Fängersturm brachte sie durcheinander. So wollte es das All-Eine, das alles geschaffen hatte, auch die Drobenwelt. Und das Kom, in dem Minas Stimme erklang, die Perri nicht hörte, weil er kein Kapitän war.

Wozu das alles? Perri atmete ein, ließ die Luft ausströmen. Ihm war mächtig nach einer Tagung.

◊ ◊ ◊

Kanda pirschte sich näher an den Smutje heran. Der war einer von den Unbegabten, der spürte noch weniger als er selbst. Ein Späßchen mit ihm würde Homme ablenken. Aber aufgepasst, dieser Koch ohne Erinnerung bewegte sich wie ein Kämpfer. Der fing ihn ab, bevor ihm einfiel, daß ers konnte.

Von wegen können, eine Fahrt auf der Hundebunt war was anderes, als am Platz zu hocken, den Hintern zu heben nur fürs Eimerleeren und Reinschiff. Sobald er fast dran war am Smut, kriegten die Planken was zuviel und warfen ihn zurück. Nach Rabazon oder Holzland fuhr eins auf anständigen Pötten, die eierten nicht so rum, zu schweigen von Frachtern. Das verholte Geschwanke erinnerte ihn an die Schaukel, auf der ihn die Kläffsen immer festgebunden hatten.

Der Smut derweil lehnte am Mast, die Zwergenkraft schien ihm nichts auszumachen. Ein Schritt, noch einer, und drei zurück. Kanda hielt die Balance, blieb aufrecht trotz Fallobst mit Würmern als Schädel. Besser so. Nicht wegen Perri, mit Spott kam er klar. Es war wegen Kapitän Berrzak. Der musste nicht auf ihn aufmerksam werden.

Andere Kapitäne standen nach dem Ablegen da wie Totholz. Bei dem hier hatte er das Gefühl, der war bloß maulfaul. Der wusste genau, wer wo was trieb. Vielleicht sogar, woran eins dachte. Oder tat er nur so, verließ sich auf die vom Clan?

Wie auch immer, Homme brauchte Zerstreuung. Als Kanda mit Pap Kandelas Leiterwagen und dem Gehilfen bei der Hundebunt angekommen war, hatte er die Deichsel noch nicht losgelassen und schon Homme am Hals gehabt, verzweifelt flüsternd. Seitdem hing Homme in seiner Nähe herum wie ein halbleerer Weinbeutel.

Liebesqualen, zur Schau gestellt. Eine Plage für einen angeschlagenen Baumgärtner, der die Angebetete gut kannte. Der sich womöglich verplapperte. Der ziemlich bald das Klettern in den Mastkorb üben musste, am besten ohne Zuschauer. Wenn es ‚soweit war‘, wollte er drüber weg sein, daß da Zwergenkraft durchbrizzelte.

Sascha hatte es bei Hundwirts Tine nicht länger ausgehalten und Homme dreimal beim Leben seiner Mam schwören lassen, sie jeden Abend von ihrer neuen Arbeit abzuholen. Das war nützlich, wenn sie ihn loswerden wollte. Kanda hatte es ihr nahegelegt, bevor er zum Kom-Werker gegangen war. Sie hatte ihm zwar gestanden, sie wolle nicht länger dichthalten, schwören lassen hatte sie Homme trotzdem.

Perri sei Dank hatte Homme sie nicht mehr zu sehen bekommen, der hatte ihn nicht fortgelassen zum Abschiednehmen. Andernfalls wärs aus gewesen mit der Freifahrt zum Schatz. – Da, eine halbe Spanne noch, er machte einen Satz, packte den Smut. „Sie kriegen dich!“

Der Smut betrachtete Kandas Rechte an seinem Arm, sprach über die Schulter. „Hast du Fieber? Durst dabei?“

„Mennesch. Ist nur Sommergrippe.“ Was erschrak der nicht? „In Rabatz warten sie auf dich, hast du selbst gesagt.“ Lahm, Kanda, lahm.

Der Smut wandte sich um, legte ihm seinerseits die Hand auf die Stirn. „Kühl für Fieber.“

Kanda bog den Kopf weg, bevor der Smut die Würmer spürte. Die Hand rückte nach, er griff zu, sie entwand sich ihm, flinke Drehung, er wurde selbst gepackt. „Lass gut sein, Smut. Das war bloß für Homme.“

„Ringen mit dem Smutje?“ Pitt kam dazu, fertig mit der Bordbeleuchtung. „Pass auf, kennst den Spruch.“

„Dein Spruch ist mir so piepe wie Riffgeiermosch, ich-“

„Außer du trittst rein.“ Pitt.

„… muntere einen der Liebesgeplagten auf, mit denen du dich so gern abgibst.“

„Ich komm klar“, steuerte der Liebesgeplagte bei. Kein Wort des Dankes.

Der Smut ließ los. „Wer wird noch geplagt?“

„Unser Bootsmann hat das an sich“, sagte Kanda. „Bei dem ists was her.“

„Und unser Smutje hier?“ Pitt. Keine Ahnung, der Mann.

Der Smut verneinte mit dem Kopf.

Kanda ebenfalls. „Der Smut hat bloß Druck auf dem Lund. Dein Mann von Außen trägt den Liebesqualenblick. Hat kein Rauschen, aber Liebeskummer erkenn ich nachts im Wald.“ Nicht so die Kunst bei seiner Zweitberufung, und wenn die Sippschaft daheim das Turteln liebte. Vier Schwestern brachten Freier zum Glühen, wiesen sie genüsslich ab. Zuletzt den Kom-Werker. Die Kläffsen saßen lieber fett bei Mam und teilten sich die Hausarbeit.

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