Auf Schatzfahrt. Roman.

17. Holler Koller

Siebter September, Kazon

Die verholte Brut hockte im Laderaum und sang, versammelt um dasselbe Fass Dünnbier, von dem er sie vor zwei Stunden weggeholt hatte.

Kapitän Holler schwang sich auf die Leiter, schob den Kopf ins Lied vom Prinz mit der Ente. „Hundsfötte! Der Hafenmeister hat Meldung erhalten, ich muss die Ladung prüfen.“

Stille. Jahaha, das stopfte ihnen die grindigen Fresslöcher.

Unten nahm er den Glühfisch vom Haken. „Lasst mal sehn, ihr Rotte ranziger Riffpinkler.“ Sein Zorn rollte durch den dreifachen Anlaut, eine Wohltat. Er öffnete alle Blenden, tat ein paar Schritte.

Öch. So konnten sie nicht– Vertrautes im Augenwinkel lenkte seinen Blick um. Da, backbords, wo der Bestand lagerte. Der Schriftzug auf den Kisten, woher kannte er den? Statt Entsinnen kam Hirnweh, nahm ihm den Atem. Hilflos riss er die Augen auf, stampfte, hieb in die Luft, bis der Schmerz abflaute, ihn japsend zurückließ, mit pochendem Fuß, schwer noch vom Unerlösten.

Seine Matrosen hatten sich aufgerappelt, schauten unbehaglich ihn und einander an. Sie hielten den Anfall für seinen Kommentar zum schlecht gestauten Frachtgut.

„Mendens Schuld“, sagte einer. „Und deine, Kapitän. Habt den Stauer-Vormann fortgeekelt. Hat der Meldung gemacht.“

Er überlebte die Bemerkung, Holler konnte noch nicht wieder sprechen. Das machte den anderen Mut.

„Was wissen wir vom Stauen.“

„Und mit nur einem Glühfisch.“

„Flott hatta gewollt. Flott hatta gekricht.“

Stets hatte Holler die Namen seiner Matrosen gewusst, zu diesen hier fiel ihm keiner ein. Ihr Schlag glaubte an Züchtigung durch das Kapitäns-Kom. Wenn die herausfanden, wie es um das seine stand-

„Soll er doch ’ne Gang anmieten“, schob einer hinterher.

Auf den fuhr Holler los mit frischer Kraft. „Nölbolzen! Sprich mich an, wenn du vor mir stehst. Wozu eine Stauergang? Jedes Vaudi weiß, daß Last verteilt sein will.“ Er wandte sich an alle. „Bis auf euch, euch hat das Dünnbier das Dumpfhirn erweicht. Mit eurer Stümperei kommen wir nicht mal aufrecht aus dem Hafen, staut das anständig, danach krepiert meinetwegen am Suff. Nehmt euch Fackeln, aber passt auf damit. Wenn ihr mein Schiff ansengt, ihr Alpträume einer totgebärenden Muttersau-“

Meldung an alle. Zwei Fälle von Trinkertod im Bezirk von Kazon Stadt.

Holler erstarrte. Meldungen und Fragen rasten durch sein Kom, Unglaube, ein Gefasel von ‚Leutholers Hand‘, die nach Schiffen greife, die übliche Seedrachensichtung.

Meldung an alle. Blut kalt, Mut bald.

Der von den Zwergen übernommene Spruch beruhigte die Nachrichtenflut, prompt kam Streit auf. Der Drache wieder, einige wollten ihn vor Kazon lauern sehen, laut anderen hatte er zwei Schiffe versenkt zwischen Zen und Fischergrund, aber vor ein paar Wochen. Die Türme blendeten alle aus.

„Omrak für alle!“ Das Gebrüll des Liegenachbarn schallte bis hier unten, andere griffen es auf. Masten hieß dieser Saufbolzen mit Dreimastprahlkahn, wie hielt der das Trinken aus mit solchem Kom? Er konnte ohne Türme unter Seinesgleichen schwatzen.

„Holler Koller. Dein letzter?“ Der Nölbolzen grinste, hatte er doch artig den Kapitän angesprochen.

„Verholt und vermalatament!“ Holler schrie weiter, auch Toben nahm ihm Luft und Stimme, aber Toben tat gut, und draußen schwoll der Lärm an, als sei er aus seinem Kom in den Hafen geflossen. „Müssen los“, krächzte er schließlich, „wie wir sind. Schiebt Keile unter, legt Leinen drum.“ Er packte die Leiterholmen, enterte auf. „Der Große Durst ist im Bezirk.“

„Da sieh mal einer kiek“, höhnte unten der Matrose, der Menden die Schuld gab für sein eigen Werk. „Mach deine Seele leicht, sagen die Läuterer, dann kriegt dich der Leutholer nicht. Alles Moschgosch. Grad bei ihnen fangen seine Scharen an.“

„Aber ihr Omrak schützt uns vorm Trinkertod!“ Der Chor entrüsteter Matrosen drang bis aufs Deck.

Jeder Omrak feite gegen den Großen Durst, nicht nur im Berzirk gebrauter. Kapitän Holler riskierte einen Blick zur übernächsten Pier, nun galt es Obacht haben. Sobald der da drüben seinen Platz im Konvoi bestätigte, hängte er sich dahinter mit der Hollermaid.

Vom Kai tönte das Geläut einer Handglocke herüber. „Hört, ihr Leute, hört her! Der Große Durst ist zurück!“ Der erste Ausrufer zog durch den Hafen.

Kapitän Holler stapfte aufs Achterdeck und sah sich um. Aus allen Richtungen strömten Seeleute zu ihren Schiffen, nur der Hollermaid fehlten noch immer drei Mann.

Menden hatte ‚für nach dem Stauen‘ um einen Landgang gebeten. Wann er wirklich gegangen war, hatte Holler nicht mitbekommen. Jedenfalls zu früh. Zwei Kom-Stützen waren auf Freigang, sprich Sauftour. Wohl kaum zusammen, sagte der Smutje, denn sie konnten sich nicht ausstehen.

„Zwei Mann zu mir!“, befahl Holler. Drei Matrosen kamen angelaufen, kabbelten sich, einer zog ab. Recht so, sie gehorchten ihm noch. „Sucht die Freiwache“, sagte er, „fangt im Hafen an und schaut in jede Spelunke. Aber getrennt.“

Mit-nur-einem-Glühfisch und Mendens-Schuld glotzten ihn an.

„Was zaudert ihr? Angst vor den Kameraden? Nein? Vorm Trinkertod? Der sitzt im Bezirk, er holt die Läutrerbrut beim Berammeln ihrer Schätze. Auf Lumpsgerippe wie euch hat der noch lange keinen Appetit.“

„Aber der Bezirk“, sagte Mit-nur-einem-Glühfisch.

Holler funkelte ihn an. „Ich hasse Herumgedruckse, verholt noch eins. Was ist mit dem Bezirk?“

Keine Antwort, der Mann hielt seinem Blick nicht stand.

„Der grenzt doch an den Hafen“, sagte Mendens-Schuld empört.

Jenseitszeiten. „Ich lasse euch die Wahl. Folgt meiner Order, oder ich schrubbe das Deck stinkig mit euren Luderbolzen, nachdem ich sie drei Wochen lang eingelegt habe in Köterbörrks mit-“ Da gingen sie hin. Im rechten Augenblick, denn er kam nur auf ‚Katzenkot‘, das klang entschieden zu lieblich.

Die Hundebunt erschien im Kom, Platz eins im Verband nach Rabazon. Noch mit der Steigerung von Katzenkot beschäftigt, meldete sich Holler einen Lidschlag zu spät, landete auf Platz drei. Hinter ihm ließ sich Masten-mit-dem-Prahlkahn eintragen.

Da, endlich. Menden kämpfte sich durchs Gewimmel auf der Pier, kam an Bord. „Bootsmann zurück, Kapitän.“ Das Liebgesicht war nüchtern, roch nicht mal nach Kneipendunst.

Wer ließ den Omrak sein aus freien Stücken? „Komm mit.“ Holler nahm die Leiter zuerst, blieb im Laderaum neben dem Zukauf stehen. Die schiere Menge nagte an seiner Kapitänsehre, sollten doch die Konvois möglichst viele Leute fortbringen, um den Kazondgern ihre Vorräte zu lassen.

„Beim All-Einen.“ Menden, eine Hand auf der Stirn, wie um sich auf Fieber zu prüfen. „Hab ihnen gesagt, backbords lagert Ausrüstung für den Plan, da müssen wir schnell ran. Also lasst die Kisten stehen, gegenüber gleicht aus. Die Hauptladung bringt nach hinten. Was quetschen sie dann alles steuerbords hin?“

„Weils schneller geht? Beaufsichtigen hast du sie sollen.“

„Ging nicht anders, Kapitän. Musste für den Plan was regeln.“

Holler schwieg. So weit seine Erinnerung reichte, drehte sich alles um diesen Plan. Zu ausgeklügelt zum Kapieren in seinem Zustand. Ein Streich nur, hatte ihm Menden wiederholt versichert, keine Untat. Nun log ihm Menden frech ins Gesicht. Glaubte der, sein Kapitän spüre das nicht?

Womöglich hatte Menden schon vorher gelogen. Darüber nachzudenken brachte bloß Hirnweh.

☆ ☆ ☆

Ein Kapitän sieht immer wahr, das glaubten viele Ringleute. Vaudekla, Hafenkinder und Drunta wussten es besser, ja selbst noch mancher Zwerg.

Zum einen war es Kapitänen möglich, willentlich von der Wahrheit abzulassen, sie wie das Kom ‚danebenzulegen‘. Dann sahen sie wahr, konnten zugleich die Kunst des Lügens genießen, wie sie ein guter Erzähler bot. In dieser Art des Danebenlegens übten sich Kapitäne, wenn sie ihre Berufung aufgeben und sich eine Alltagspersönlichkeit aufbauen mussten.

Zum andern, und das konnte nicht nur Kapitän Holler bestätigen, zum andern gab es Umstände, die das Wahrheitsempfinden eines Kapitäns veränderten. Angenommen, ein Kapitän suchte einen Decksjungen und es stellte sich ihm ein Knabe vor, der aussah wie sieben, der aber erst fünf Jahre zählte. Ein wacher Kapitän würde den Knaben fortschicken. Sah er Not hinter der Lüge, würde er ihm ein paar Münzen mitgeben, sah er kindliche Flausen, würde er ihm die Wahrheit ans Herz legen.

Nach einigen Schlucken Omrak würde der Kapitän das Kind auslachen, es verhöhnen oder handfesten Scherz mit ihm treiben, bis es unter allzuschweren Aufgaben ungewollt sein Alter verrriet. Nach zwei oder gar drei Kapitänsbechern Omrak sähe der Kapitän zwar noch immer die Wahrheit, doch sie wäre ihm nichts mehr wert. Wenn er in Eile war und sich nicht alsbald ein anderer Knabe zeigte, würde er den Fünfjährigen anheuern und sich davonmachen, hohnlachend den ahnungslosen Eltern.

Des weiteren gab es Umstände, die einen Kapitän ganz ohne berauschende Getränke in einen Ausnahmezustand versetzten. In einem solchen befand sich Holler. Mitunter lichteten sich die Nebel, dann kam ihm die Ahnung, sein Name sei nicht wahr und nicht der seines Schiffes. Sein Streben nach Wahrheit tat weh, denn es gab Kräfte, die ihn davon fernhalten wollten. Er wusste nichts von ihnen, kannte kein Mittel dagegen. So hatten sie leichtes Spiel, umhüllten ihn binnem kurzem wieder mit geistiger Blindheit.

◊ ◊ ◊

Die Route nach Holzland wurde freigegeben, dann die nach Norrfesch. Etliche Schiffe verließen den Hafen. Der Konvoi nach Zwergentor brach auf, der Hollermaid fehlten beharrlich vier Mann.

Als das letzte Schiff von Route vier ablegte, bat Holler um Aufschub. Die anderen vorlassen ging nicht, jetzt noch Plätze tauschen überforderte die Türme. Im Kom der gewohnte Aufruhr, nur zu ihm sprach keiner. Holler wollte aufstampfen, hielt rechtzeitig inne. Sein Fuß wog noch immer schwer.

Drüben legte die Hundebunt ab. Dann das Schiff von Platz zwei.

Meldung an Kapitän Holler. Du bist hier unbekannt. Gewähre ein Stundenviertel wegen der Umstände. Statt eines Kanzondger Turms hatte ihn einer von Mittland angesprochen, gab nun die Verzögerungsmeldung an alle durch.

‚Kapitän Holler dankt.‘ Unbekannt. Was sollte das sein, der Versuch einer Herabwürdigung? Holler stammte von Mittland, nur auf die Gegend konnte er sich gerade nicht besinnen. Dieser Vaudekla war dem faulen Ei eines nückgezeugten Hoppedeck entsprungen, Holler rang mit dem Drang, ihn das wissen zu lassen, spürte Leute an Bord kommen. Das Schiffs-Kom bestätigte vier Mannschaftsmitglieder.

Weiterlesen?

zurück ← ↑ hinauf → weiter