Auf Schatzfahrt. Roman.

13. Durst folgt Auster

Siebter September, Kazon

„Durst folgt Auster, nicht immer“, murmelte Pitt. „Wenn, dann renn? Mennesch.“

„Was redest du?“ Perri. „Gebt alle her, letzte Runde. Morgen haben wir zu tun, oder mietest du eine Stauergang an? Berrzak? Lohnt sich eher nicht für die Vorräte bis Rabazon.“

„Das Sprichwort zum Austernfieber“, sagte Pitt, „kriegs nicht mehr zusammen.“

Schwindel im Innen und Außen, Berrzak konnte nicht antworten, empfing Nachrichten, hielt sich an der Tischplatte fest, die auf ihn zuknirschte, bis Kanda sie festhielt und ihn wieder mal groß ansah. Berrzak war zu keiner Erklärung fähig, sein Kom schien zu klappern unterm Ansturm der Meldungen, aberwitzige Empfindung.

Vor ihm merkten alle auf, er spürte Pap Perri durchs Gewölbe rennen, Krah flatterte auf den Tisch, die Tür flog auf, knallte an die Wand. „Der Große Durst“, japste Pap Perri, „im Bezirk, bisher zwei Fälle. Die Läuterer schließen die Tore.“

Homme kletterte über die Bank, ging um Berrzak herum zu Pap Perri, der legte ihm den Arm um die Schultern. Homme schob sich eine Strähne in den Mund, sah Kanda an.

„Ich hab nur so Fieber.“ Kanda, halb Unschuld, halb erschrocken, er schaute zu Berrzak.

Homme und Pap Perri folgten Kandas Blick.

„Fürchtet euch nicht.“ Wie das klang, Berrzak rang ein Lachen nieder. „Ich bin fieberfrei. Ein beschädigtes Kom ist nicht ansteckend, und es heilt, ich empfange Meldungen. Hab Aufruhr im Kopf, aber ich kann uns hier wegbringen, bevor die Quarantäne greift.“

„Bin dabei.“ Pitt erhob sich. „Was auch immer dich und Kanda plagt, der Große Durst sieht anders aus. Trinkertod ist sein zweiter Name.“ Er ging zu einer Lücke zwischen den Fässern, zog seinen Seesack hervor.

Perri hatte kalten Blutes gezapft, schob jedem einen Krug zu.

„Ich bleibe beim Tringster.“ Berrzak reichte den Kapitänsbecher an Pap Perri weiter.

„Dunkelhopfen schützt gegen den Durst“, bemerkte der, leerte ihn in einem Zug. „Hast ohne Kopf-

„Ja“, sagte ihm Berrzak ins Sprichwort, „wir brauchen ein Segel, habt ihr Zwergentuch gekauft?“

Perri trank aus, schüttelte den Kopf. „Hab mich auf deine Reserve verlassen. Verholt, die Händler werden die Läden verrammeln. Ist es gerissen? Ich kann zur Not die Nadel schwingen.“

„Arrr.“ Pitt wischte sich den Mund.

„Es fehlt“, sagte Berrzak. „Die Suderser haben ihr eigenes angeschlagen und auch wieder mitgenommen.“

„Kanda? Alles gut?“ Homme. Sein Freund stand da, als habe es ihm den Hopfen verhagelt. „Kneifst du jetzt?“

„Huh?“, brachte Kanda hervor.

Nicht der erste Knabe, den seine Träume in die Knie zwangen. Der lief ihm nicht davon, in seinem Rauschen steckte zu viel Arbeit. „Du fährst mit“, sagte Berrzak, „hol dein Zeug. Kennziffer?“

Kanda sagte die Zahlenfolge auf ohne zu stottern, grinste albern, widmete sich dem Omrak. Schwäche überwunden.

„Bringt zuerst euer Zeug an Bord, damit das Schiff euch kennt.“ Berrzak stellte seinen Tringsterkrug zu den anderen. „Dann übernimmt Pitt mit Kanda die Beißwaren. Homme, du hilfst Perri beim Trinkkram. Ihr habt doch zeitig bestellt?“

„Zu zeitig“, sagte Perri, „wir zahlen Lagergebühr. Trotzdem haben die Händler schon Boten geschickt, wegen Platzmangel.“

„Von wegen zahlen“, sagte Berrzak. „Pap Perri, du kennst meine Lage.“

Pap Perri nickte. „Ich weiß, wo Perri und Pitt geordert haben. Werde den Rückstand ausgleichen, und ich gebe dir einen Beutel mit.“

„Danke.“ Berrzak sah in die Runde, alle schauten ihn an. „Auf geht’s.“

„Full ack, Kapitän!“

Das klang im Ohr. „Ich hole den Smut.“ Die Schatzfahrt begann, Berrzak stürmte durch die Pforte, schwang sich am Rahmen herum, um nicht zu taumeln, eilte durch die niedrigen Räume. Dichtauf schnaufte Pap Perri.

„Wer ist der Smut?“, fragte Homme irgendwo hinter ihnen.

„Ein unbekannter Schrecken.“ Pitt.

„Macht guten Hund.“ Perri.

Treppe rauf, auf dem Flur ließ Berrzak dem Hausherrn den Vortritt zum Wohnraum, folgte ihm hinein. Pap Perri legte einen Finger auf die Lippen, schloss sachte die Verbindungstür zur Küche, legte den Riegel vor. Was immer er an Mam Perri fand, mit ihr umgehen konnte er.

Auf dem Tisch lag ein Münzbeutel, Pap Perri überreichte ihn. „Hatts im Rauschen, daß du knapp bist.“ Schulterschlag und Abschied.

Im Gang wartete Pitt, Kanda tauchte auf aus den Kellertiefen, das Gesicht schief vor Unbehagen, aber körperlich beisammen. Dramatisches Aufweinen, Mam Perri. Homme und Perri kamen aus der Küche gestolpert, strebten ins Freie.

„Der Smut weiß nicht, wer er ist“, sagte Berrzak, schlug Perri auf den Arm, damit er zurückblieb, „ihr müsst vielleicht Nachsicht mit ihm haben. Er besorgt den Küchenkram.“

„Wie heißt er?“ Homme, schon auf der Gasse.

„Smut.“ Berrzak zog Perri hinter die Kellertür, Mam Perri würde mit der zum Wohnraum beschäftigt sein.

„Wo ist es? Hast du es retten können?“, fragte Perri.

„Temmes Tagebuch? Das liegt in der Burgzinne.“

„Ah so, darum ging es nicht? Warum dann die Dragendöter, wer …?“

„Ich weiß es nicht.“ Noch immer kam Berrzak das Erlebte vor wie ein Gewittertraum. Auch die Silhouetten zweier Schiffe, an die er sich neuerdings zu erinnern glaubte, eins davon ein Patrouillenboot. Ein Wahnbild vielleicht, hinzugefügt vom Austernfieber. „Ich verdächtige alle, selbst die Vaudekla. Was weiß Kanda?“

„Über die Schatzfahrt so viel wie jeder. Nichts, wenn du das Tagebuch meinst.“

„Wer schickt ihn?“

„Das weiß der Geier. Pitt glaubt, er plant was auf eigene Faust. Wo bleiben die angeblichen Suderser? DennDīnn, meine ich.“

„Das wüsste ich selbst gern.“ Berrzak öffnete die Tür.

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