Auf Schatzfahrt. Roman.

12. Echt Schiffbrüchige

Siebter September, Kazon

„Nach unserem letzten Kanontrinken hat mir Läutrermeister Dengmar eine Nachricht zukommen lassen.“ Zwei rechts, zwei links, Kapitän Berrzak blickte in aufmerksame Gesichter. „Keine Läuterung im Diesseits soll uns möglich sein, er wird unseren Aufstieg in die Jenseitige Zeit verhindern.“ Die Läuterer lehrten, ungeläuterte Seelen seien zu schwer für das Jenseits.

„Wir fürchten uns sehr.“ Pitt.

„Dengmars Großläutrermeister hat ihn zwei Ränge weit abgestuft“, sagte Berrzak.

Drei Mann klopften beifällig mit den Krügen auf den Tisch, Homme snickerte. Kanda kiekste, zeigte auf Hommes Krug. Der schäumte über, hastig trank Homme ab.

Mit ihrem ‚Jenseits‘ versuchten die Läuterer, den freundlichen Drobenweltglauben der Ringleute abzuschaffen. Er hielt den Bemühungen stand. Zwar geizte er mit Liebe, denn er ließ Fänger zu, Seuchen und Kom-Kapitäne. Aber er machte niemandem Angst vor dem Tod. Wer hüben alles erledigt hatte, ging nach droben. Auf Wusch gab es die nächste Aufgabe, und einen weiteren Lebensweg im Hüben. Sünde und Strafe waren Erfindungen der Läuterer.

Auch der ehemalige Hauptläutrermeister Dengmar würde dereinst nach droben gehen und dort auf die Bewohner des Ooslander Dorfes treffen, das er für einen Läuterer recht plump um seinen Bestand an gemeinschaftlichen Ringmünzen geprellt. Worauf der Dorfälteste sich an Berrzak den Dragendöter gewandt hatte.

Mit dem Erlös dieser Fahrt hatte Simmen seiner Hundsbraut die Hochzeitsfeier ausrichten können, hatte Land gekauft, Hopfenfelder angelegt, ein Haus gebaut. Simmens Wille, Simmens Los.

„Ich bin erst diesen Juli von Zeitland zurückgekommen“, sagte Berrzak. Sollte er Kanda rauswerfen? Lieber fabulieren, er würde DennDīnns Leute als Suderser ausgeben. „Meine Freunde wollten Forschungen betreiben, ihr wisst schon, die beiden von Suderland. Stattdessen haben wir festgesessen in der Zeitland-Anomalie, wie jeder Tölpfisch, der dort die Nase hineinsteckt, es war öde und kräftezehrend. Wir hatten aufs Fahrtenfest verzichtet, laut Wusa liegts daran.“ Er blickte in seinen Krug, der nun Tringster enthielt, konnte Erinnerung nicht mit Omrak wegspülen wie auf Norrfesch seine Mietlinge. Betreffs Zeitland hatte er seine Fähigkeiten überschätzt.

„Ein Fahrtenfest gibt’s, wenn eins mit Beute heimkommt?“ Kanda, in ungespielter Ahnungslosigkeit.

Freund Jorrgen hatte immer behauptet, hinter der Existenz von Kom-Kapitänen stecke mehr als Überlegenheit. Gerade die Überlegenheit hatte Berrzak lange Zeit genossen, er hatte Jorrgens Worte als Trostversuch aufgefasst, weils ein Stück Arbeit war, sie zu erreichen.

„Ach was“, raunte Homme, „wir feiern vorher. Das kennst du doch, das ist von früher, da gehts heftig zu. Nach der Fahrt gibt’s bloß Kanontrinken und gut zu essen, kein Vergleich. Kannst du trommeln?“

Seit einigen Jahren erst empfand Berrzak das Überlegensein als freudlos. Immer Sieg, zuletzt über Dengmar. Und dann, ohne Vorwarnung, der Misserfolg auf Zeitland. Nicht mal Erkenntnis brachte er mit, während all der Monate dort hatte sich Jorrgens ‚Mehr‘ nicht gezeigt.

„Ich weiß, wo ich das Holz für die Stöcke schlage, und wie ich es trockne für den Drechsler.“ Kanda wandte den Kopf, sah Berrzak betont aufmerksam an. Sprich weiter, sagten sein Blick, sein Rauschen, vom Trommeln wollte der nichts hören.

„Nach ein paar Tagen wollte ich die Hundebunt abholen“, sagte Berrzak. „Mit Mietlingen, die Mannschaft der Zeitlandfahrt hatten die Suderser gestellt. Zeit wollte ich gewinnen, ein paar Tage der Ruhe pflegen auf Kazon, bevor wir uns trafen. Also nahm ich die Route durch den Zen, obwohl ich die Mietlinge nicht kannte, obwohl mir nicht geheuer, wer abkömmlich ist während der Ernte.“

Perri brummte zustimmend, Pitt nickte.

„Der Zen ist der Zentrale Fänger“, raunte Homme auf Kandas Stirnrunzeln.

„Meine Sorge war unbegründet“, sagte Berrzak, „die Mannschaft hat sich wacker gehalten. Ein paar Meilen hinterm Fänger sind wir versenkt worden.“

Kanda ächzte, Homme gab einen hellen Ton von sich, stutzte dann.

„Spaßige Bemerkung.“ Pitt klang unwillig. „Hat dir Zeitland auch den Witz verödet?“

„Es geht dir nicht gut“, sagte Perri, „redest du wirr? Wir wüssten es doch längst.“

Kanda, die Hände um den Kopf gelegt, sah fragend zu Homme, zu den anderen. Der hatte Schmerzen, er wusste nichts über den Untergang der Dragendöter.

Ein ringweit bekanntes Schiff verschwand aus der Route, niemand hörte davon. Berrzak schaute Perri an, dann Pitt, ließ den Blick wieder auf Perri ruhen.

„Wie …? Du … Schau nicht so.“ Stotternder Perri. „Du hast wirklich schon besseren Spaß getrieben.“

Nicht zu fassen. „Das ist kein verholter Spaß, ihr spürt, daß ich wahr spreche. Da war ein künstliches Wefferfeld, reichlich nah. Ich hatte den Eindruck, es verberge zwei Schiffe, nicht nur eins.“

„Er spürt Schiffsweffer?“ Kanda zu Homme, bass erstaunt.

Homme verdrehte die Augen. „Nee. Kapitän Berrzak gibt bloß gern an.“

„Das konnte nicht sein“, fuhr Berrzak fort, „ein Wefferfeld lässt sich nur über das Schiff ausbreiten, auf dem der Weffermacher eingebaut ist. Also hab ich im Kom nach dem Feld gesucht, hab an der Reling gestanden und zugeschaut, wie drei Spannen weiter der Handlauf zersplittert ist. Begriffen habe ich nichts. Der Bootsmann hat es mir später erzählt, wir wurden beschossen.“

„Mennesch.“ Perri. „Wie denn? Mit Kanonen?“

„Die letzte Bordkanone steht im Bilderhaus auf Rabazon. Keiner gießt noch Kugeln.“ Pitt.

„Kleinere Geschosse“, sagte Berrzak, „aus dem Nichts heraus.“

„Geht nicht.“ Perri schüttelte den Kopf, die Haarstränge wogten. „Wer im Wefferfeld steckt, kann nichts anvisieren, er sieht nicht nach draußen.“ Der gute alte Perri musste immer erst leugnen, was ihm nicht ins Bild passte. ‚Altpap Jorrgen ist nach droben gegangen.‘‚Mennesch.‘

„Das nächste ist neben mir eingeschlagen“, sagte Berrzak. „und dann war mein Kom weg. Vollständig. So abgeschnitten von der Welt war ich nicht mal als Kind, bevor mir das Hiffen eingesetzt worden ist.“ Bevor er klar gehabt hatte, daß Kom-Hiffen lebenslang wuchs, daß es innere Weite erzwang, für die der Mensch nicht geschaffen.

„Von sowas hab ich noch nie gehört.“ Perri.

„Gelesen auch nicht.“ Pitt.

„Geschweige denn erlebt“, sagte Berrzak. Zwei Jahre Arbeit steckten in der Hundebunt. Während seiner Zeitlandfahrt hatten DennDīnns Leute ein geeignetes Schiff gesucht, die Meine Neunte gefunden, sie nach Art der Huldelund umgebaut, von den Zwergen für das Kom-Netzwerk ausrüsten und im Außen den Weffermacher einbauen lassen. Kaum wollte er sie abholen, haute es ihm das Kom weg samt Rauschen.

Erging es ihm ebenso, wenn er das Kom auf anderem Weg- Nicht dran denken. Wieder schaute er in seinen Krug, neigte ihn, sah den Lichtreflexen zu. Seit dem Unglück schwieg Freund Jorrgen, vielleicht nicht das Schlechteste. Wer würde noch mit Berrzak fahren wollen, wenn er sich je verriet, ein Kapitän mit der Stimme eines Toten im Kom.

„Und nun? Kannst du wieder …?“ Homme flüsterte, Anteilnahme im Rauschen. „Du hast was, ich merks.“

Was meinte er damit, Homme, Jorrgens Enkel? „Alles gut.“ Berrzak bemerkte erst beim Sprechen, daß er Homme anlächelte. „Aber dort, am letzten Tag auf der Dragendöter … Da war nichts mehr. Keine Mannschaft, kein Schiffs-Kom, nur ich im Nirgendwo. Laut Bootsmann bin ich auf dem Achterdeck herumgetorkelt, um mich herum ging mein Schiff in Trümmer.

Dem All-Einen sei Dank sind diese Mietlinge gestandene Seeleute, sie hatten die Kanus auch ohne mich schnell im Wasser, haben die Gestalt hineinverfrachtet, die bislang ihr Kapitän gewesen. Über uns zersprang die Galionsfigur, einer hat ein Stück aufgepickt, dann sind sie gepaddelt ums Leben.

Keine Verluste, der andere hat weitergefeuert, aber nicht auf die Boote. Als sei er einzig drauf aus gewesen, mein Schiff zu vernichten.“

„Der Oberläuterer? Jetzt Läutrermeister.“ Perri.

„Dengmar? Der sieht den Feind gern zittern. Läutrermeister Dengmar hätte ein Hafenkind im Kanu vorgeschickt, oder eine Taube, mit Drohungen in der Briefkapsel. Und dann hätte er sich gezeigt.“

„Stimmt wohl.“

„Nach ein paar Meilen haben sich im Kom Bereiche aufgebaut, übler verdreht als das Rauschen unterm Mannweffer, es-“

„Kapitäne sind doch gefeit dagegen.“ Kanda.

„Einen Mannweffer kann ich ausgleichen, das hier hat mich reihernd über Bord gerissen. Meine Mietsleute hat schon nichts mehr erschüttert, sie haben mich reingehievt, ins Leben zurückgeklopft, ans Steuer gesetzt.

Vorm Langen Ostarm verläuft die Vergnügungsroute, ich hab drauf zugehalten, noch am selben Tag wurden wir Gäste der Weißer Schwan. Eine Yacht, versteht sich, übertakelt, sie kreuzt in Fängernähe für Passagiere, die Omrak als Getränk armer Leute ansehen.“

„Daß sich Kapitäne hergeben für sowas.“ Perri.

„Die Strafgebühr zahlt der Eigner“, sagte Pitt, „der Kapitän verlässt sich auf die Türme.“

„Auf so Yachten gibt’s immer Lagersekt.“ Kanda.

„Da hat er die Sommerkrippe her“, murmelte Pitt, „Yachtleutegeschnack.“

„Perri meint nicht die Gebühr“, sagte Homme. „Kein Schiffer nähert sich unnötig einem Fänger, und gegen Bezahlung für zum Gruseln ist unehrenhaft.“

„Schon klar“, nickte Pitt.

„Wir mussten die ganze Fahrt mitmachen“, sagte Berrzak. „Naturgemäß war der Kapitän als einziger die meiste Zeit nüchtern. Näher als zwei Meilen geht er nie an die Gefahrenzone ran. Meine angebliche Havarie wegen Leck hat er abgenickt, auch meine Behauptung, die Türme seien zu beschäftigt für eine Meldung an alle.

Der Mann war gewohnt, sich seins zu denken, und er war froh mit uns. Die Yachtleute werden ihm ein Extra zahlen, weil er echt schiffbrüchige Seeleute entdeckt hat. Zu ihrer Unterhaltung, sie haben uns gefüttert und getränkt mit Perlwein und Kaviar-Ringen zum Aufstecken auf den Finger. Eins ihrer Spiele, bloß keinen anschauen beim Essen, sonst kommt er zu dir und du kannst sehen, wie du ihn loswirst ohne Geschmuse. Wir waren immerzu angesäuselt und hungrig, bis sich einer der Köche erbarmt und uns heimlich verpflegt hat.“

„Zwei Smutje hatten die?“ Homme, kein Freund des Essens.

„Sieben, die Kombüse musste auch die Nacht durch warme Mahlzeiten vorhalten. Hab’ unserem das Stück Galionsfigur gegeben.“ Gerührt hatte der Koch versprochen, es für ihn aufzuheben, hatte nicht gelacht, nicht weitergefragt, als Berrzak den Namen seines Schiffs nicht über die Lippen gebracht. Hatte weder ihn, noch die Figur erkannt.

„Schätze, eine Yachtleute-Mannschaft kriegt Omrak vom Feinsten. Welche Sorten hatten sie?“ Perri.

„Gar keine, nicht mal Dünnbier. Die Mannschaft war zu Wein oder Tringster verdonnert. Yachtleute eben, ihr Bordjakob heißt Krokken vom Honigdornhügel, in der Kajüte prangt sein Stammbaum. Manchmal hing Krokken kopfüber von der Warnerstange, dann gabs Gekreisch.“ Kratzige Kehle, er trank aus. „Sein Krähenwitz, gewarnt hat der nie, sie kamen ja nicht mal in die Fünf-Meilen-Zone. Statt Hopfen haben sie Kupfer im Mastkasten liegen, in Doldenform, der Eigner hat es mir gezeigt, und er hat mir diese Prunkkleidung anmessen lassen, mein Zeug war hinüber. Der Bordschneider ist ein Trinker bis später droben, die Hose will immerzu abwärts. Aber eine versteckte Tasche hat er hinbekommen, der Größe nach für genau einen Liebesstrumpf.“

Perri musste lachen, langte nach Berrzaks Krug. „Tringster?“

„So ist es.“ Perris süffiger Omrak gehörte in Humpen, gern hätte Berrzak einen geleert, lieber zwei, fünf; es ging nicht. Schon die Menge, die ein Kapitänsbecher fasste, kreuzte merklich durchs Kom. „Nach dem Absetzen hat mich das Austernfieber erwischt. Hab nichts bemerkt davon, nur immer im Kreis herumgedacht. Erst auf Kazon war ich wieder bei mir.“ Die Einzelheiten lieferte er, wenn Kanda nach Hause ging. Der Knabe rauschte schwach, dem konnte eins was einreden. Offensichtlich hatte das jemand genutzt.

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